Arbeitsmarkt

Biolandwirtschaft: Bei Bioservice in Eichstetten können Menschen mit Behinderung arbeiten

Manfred Frietsch

Von Manfred Frietsch

Di, 27. Februar 2018

Eichstetten

Eichstetten ist ein gutes Pflaster für Pioniertaten. Hier, am Kaiserstuhl, steht eine der Wiegen des biologischen Landbaus in Deutschland. Und früher als andernorts schuf in dem von Weinbergen und Gemüsefeldern umgebenen Dorf bürgerschaftliches Engagement Wohn- und Betreuungsangebote für alte und pflegebedürftige Menschen. Hinzu kam dann das integrative Café Mitnander zur Einbeziehung auch von Behinderten. Jetzt bahnt sich ein neues Projekt den Weg, in dem Biolandwirtschaft und die Inklusion behinderter Menschen zusammenkommen sollen: die gemeinnützige Bioservice GmbH.

EICHSTETTEN. Eichstetten ist ein gutes Pflaster für Pioniertaten. Hier, am Kaiserstuhl, steht eine der Wiegen des biologischen Landbaus in Deutschland. Und früher als andernorts schuf in dem von Weinbergen und Gemüsefeldern umgebenen Dorf bürgerschaftliches Engagement Wohn- und Betreuungsangebote für alte und pflegebedürftige Menschen. Hinzu kam dann das integrative Café Mitnander zur Einbeziehung auch von Behinderten. Jetzt bahnt sich ein neues Projekt den Weg, in dem Biolandwirtschaft und die Inklusion behinderter Menschen zusammenkommen sollen: die gemeinnützige Bioservice GmbH.

Das Ziel der Neugründung ist es, in der Landwirtschaft und dazugehörenden Dienstleistungen Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderungen zu schaffen. Ein Anfang ist gemacht: Seit November beschäftigt die Firma schon vier Mitarbeiter. "Sie sind vor allem bei Arbeiten in den Reben und auf den Feldern im Einsatz, das ist einer von unseren vier Tätigkeitsbereichen", erklärt Wolfgang Hees. Der Landwirtschaftsmeister und Betreiber des Biobetriebes "Hof am Dorfbach" ist einer von zwei Geschäftsführern der gGmbH. Diese bereitet derzeit drei weitere Arbeitsfelder vor: Das Waschen von geerntetem Gemüse, das Reinigen von Gemüsekisten sowie die Verarbeitung von Gemüse für Gastronomie und die örtliche Schulverpflegung.

Dafür braucht es Platz und technische Einrichtungen. Beides wird auf dem Areal des früheren Sägewerkes im Eichstetter Gewerbegebiet Brückmatten geschaffen, auch mit viel Eigenleistung. Im Juli, so hofft Hees, könne dort die Waschanlage in Betrieb gehen. Bis nächstes Jahr, wenn alle Bereiche am Laufen sind, könnten dann 18 Beschäftigte hier arbeiten, davon zur Hälfte Menschen mit Behinderungen. Die Idee hierzu war schon vor mehr als fünf Jahren in der Erzeugergemeinschaft von damals fünf Biobetrieben aufgekommen, als diese nach einer Lösung für das Säubern von Gemüse und Gemüsekisten suchten. Hees, Deutschbrasilianer, hatte als Caritas-Mitarbeiter in Brasilien Erfahrung mit der Inklusion behinderter Menschen in der Landwirtschaft mitgebracht.

Der Versuch, zusammen mit der Aktion Mensch das Eichstetter Projekt aufzuziehen, kam jedoch nicht voran. Schließlich fanden die inzwischen sieben Biobauern, in der gGmbh vertreten durch den Landwirt Werner Danzeisen, neue Partner, mit denen nun als Mitgesellschafter die Bioservice Südbaden aus der Taufe gehoben wurde. Da ist zum einen die Reha-Südwest in Karlsruhe, die in ganz Baden-Württemberg Einrichtungen und Angebote für Menschen mit Behinderungen unterhält, entstanden aus einer Selbsthilfegruppe betroffener Eltern. Sie bringt als Träger von Bioservice den ganzen Erfahrungsschatz aus der Wohlfahrtspflege mit und stellt mit Mirjam Weisserth die zweite Geschäftsführerin neben Hees.

Weiter mit im Boot ist der Förderverein der Eduard-Spranger-Schule in Emmendingen-Wasser, für die Bioservice als Anbieter von Praktikums- und Arbeitsplätze für ihre Schüler in Frage kommt. Einen ersten Praktikumstag gab es denn jetzt auch für neun Schüler beim Rebholz Einsammeln. Und dann macht noch der Eichstetter Großhandel Naturkost-Rinklin mit, ein Hauptabnehmer für die Bioprodukte der Erzeugergemeinschaft. Die unmittelbare räumliche Nähe zu dem Großhandelsbetrieb ist ein Vorteil für dieses Projekt. Darum wird dort bereits an die weitere Entwicklung gedacht: an den Bau eines Kühlhauses, um darin Gemüse und andere landwirtschaftliche Produkte zu lagern.

Menschen mit Behinderung, die bei Bioservice arbeiten, bekommen Unterstützung vom Integrationsfachdienst. Der Kommunalverband Jugend und Soziales hat das Projekt bereits anerkannt.

Eine Chance, aus der Isolation herauszukommen

Hees hat auf dem eigenen Hof schon Erfahrung mit Mitarbeitern mit Behinderungen gesammelt. Die Landwirtschaft sei eine große Chance für solche Menschen, um aus der relativen Isolation einer klassischen Behindertenwerkstätte herauszukommen. "Es ist erstaunlich, welche Fähigkeiten manche entwickeln und wie sie auch als Person vorankommen", erzählt Hees.

Man wolle diese Menschen fördern und dort, wo es möglich ist, ihnen den Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt ebnen. Aber auch bei Bioservice werden sie bereits voll sozialversichert arbeiten und zu regulären Löhnen beschäftigt sein. "Ich glaube, das kann wirklich ein großer Wurf werden, um ökologisches und soziales Engagement zusammenzubringen", sagt Wolfgang Hees.