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27. Januar 2012
Muskelkraft bringt die Orgelpfeifen zum Tönen
Zur Einweihung der renovierten Eichstetter Kirche gab es ein Festkonzert auf der ebenfalls restaurierten Orgel.
EICHSTETTEN. Zur Einweihung der renovierten Orgel in der ebenfalls frisch renovierten evangelischen Kirche in Eichstetten fand am Sonntag ein Orgelkonzert statt. Der Schweizer Kirchenmusiker Stefan Pöll, der auch einige Zeit als Organist in Eichstetten tätig war, hatte ein Programm zusammengestellt, bei dem der große Tonumfang und Klangfarbenreichtum der 1866 erbauten Orgel eindrucksvoll zur Geltung kommen sollte.
Ganz wie zu Zeiten Johann Sebastian Bachs eröffnete Pöll des Meisters Pièce d'orgue BWV 572 mit dem Kalkantenglöckchen, also dem Signal für die beiden Blasebalgtreter (Kalkanten), nun ordentlich Luft zu machen. Denn dazu hatte man eigens den elektrischen Blasebalgantrieb ausgestellt, um so die frühere Technik vorzuführen. Im zarten Vorspiel fließen die Themen wie in einem Gebirgsbach klar und leicht. Dunklere Töne mischen sich hinein, vielstimmig verschränkt steigert sich die Fantasie zu machtvollen Akkorden, bis sie im Ungefähren verklingen.
Zu den drei ausgewählten Choralvorspielen von Johannes Brahms erläuterte Andreas Fischer vom Förderverein Orgel- und Kirchenmusik den biografischen Hintergrund des Komponisten. Die Choralvorspiele, 1896 entstanden, sind Brahms' persönliche Auseinandersetzung mit dem Tod Clara Schumanns, der er zeitlebens eng verbunden war. Dementsprechend dunkel und melancholisch gefärbt sind diese Orgelmeditationen als Totenopfer zu verstehen. In warmem Holzregister gehaltene leise Klänge scheinen irrend umherzugeistern, um endlich sich in "Schmücke dich, o liebe Seele" doch zu kraftvoller Klangfülle aufzurichten. Fahl und leblos dagegen erscheint die Brahm'sche Bearbeitung des Kirchenliedes "Es ist ein Ros’ entsprungen".
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Ein Paradebeispiel für "romantisch gefärbte Harmonik" (Fischer) sind auch die Orgelwerke von Mendelssohn Bartholdy, der seinerzeit "moderne Musik für die alte Orgel" komponierte, wie ein Zeitgenosse schrieb. Das Präludium und Fuge d-Moll braucht in puncto Komplexität und vielschichtiger Verarbeitung der Themen keinen Vergleich mit dem großen Vorbild Bach zu scheuen.
Ganz andere Klänge dagegen bei dem 1940 in Frankreich gefallenen Jean Alain. Sein "experimenteller Stil" vereinigt auf eigentümliche Weise Tanz und Trauer, Alte Musik, Gregorianik ebenso wie Jazz und Impressionismus. Entsprechend erklingen Alains Orgelwerke wie aus fernen Ländern. In "Le Jardin suspendu" überwiegen zarte irisierende Schwebungen, vogelgleiche Laute pfeifen melodisch, ein plötzlich brodelnder Subbass verstört kurz das ferne Idyll - der Hängende Garten war für Alain Symbol für einen ebenso unzugänglichen wie unzerstörbaren Zufluchtsort des Künstlers, wie Andreas Fischer in der Einführung erklärte.
Franz Liszt komponierte mit dem "Präludium und Fuge über B-A-C-H" ist eine Hommage an den barocken Großmeister, den er in Hinsicht auf Komplexität und Klangfülle gar zu überbieten versuchte. Dieses ebenso virtuose wie an Klangfarben reiche Paradestück impressionistischer Tonkunst eignet sich hervorragend, um die neue alte Orgel mit allen ihren klanglichen Möglichkeiten vorzustellen. Die Tonfolge B-A-C-H, die Johann Sebastian Bach im Schlussstück der Kunst der Fuge erstmals als musikalisches Thema bearbeitet hatte, hämmert Pöll gleich zu Anfang der Komposition als ostinates Bassthema ins Pedal und zieht sich zugleich in immer neuer Bearbeitung durch das Werk. Durch die vielschichtigen Stimmverflechtungen schimmern immer wieder unverkennbar Bach'sche Phrasen hindurch. Im zartesten Pianissimo mäandernde Motivketten steigern sich in einem terrassenartig aufsteigenden Crescendo zu machtvoller Präsenz, das Werk schließt in gewaltiger Klangfülle.
Für den ebenso ansteigenden Applaus bedankte sich der Organist mit einem munteren kleinen Marsch, der mit einem feinen Glockenton endete.
Autor: Hans Jürgen Kugler
