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27. April 2013

Namen haben ein langes Gedächtnis

Namensforscher Konrad Kunze erzählte den Eichstetter Aufschlussreiches über die Herkunft ihrer Familiennamen.

EICHSTETTEN. König Salomon hatte keinen, Petrus und Paulus hatten keinen, und Barbarossa auch nicht. Die Rede ist vom Nachnamen: Jahrhundertelang kam die Zivilisation ohne sie aus. Erst vor gut 800 Jahren begann man, dem Vornamen einen Familiennamen hinzuzufügen, wie man von Konrad Kunze erfahren konnte. Der aus dem Rundfunk bekannte Namensforscher und Professor klärte zum Jubiläum des Heimat- und Geschichtsvereins ebenso informativ wie unterhaltsam über Eichstetter Familiennamen auf.

Der Grund für die Entstehung von Familiennamen liegt darin, dass die Städte im Mittelalter immer stärker wuchsen. In Köln, das um 1200 mit rund 50 000 Einwohner eine richtige Großstadt war, hieß damals wohl jeder zehnte Mann Johannes. Um die Menschen in Besitz- und Erbfragen besser unterscheiden zu können, mussten Nachnamen her. Das Prekäre: Einen solchen Namen gab man sich nicht selbst, sondern bekam ihn von den Mitbürgern "angehängt".

Die einfachste Möglichkeit dazu war, dass man einfach nach dem Vater oder der Mutter genannt wurde. Ketterer sind demzufolge Nachfahren einer Katharina, Dilger stammen von Ottilie ab, Steffens von Stefan und Jakobs von Jakob, wobei man in Süddeutschland das "s" weglässt und sich gleich "Jakob" nennt.

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Auch Trautwein, der sechshäufigste Nachname in Eichstetten, ist ein alter Vorname, der sich aus den Wortteilen Liebe ("Traut") und Freund ("wein") zusammensetzt, was "lieber Freund" ergibt. Beluebt war auch die Halbierung von Namen. So wurde aus dem Vorfahren Heinrich Hein, aus Volker Volk, aus Wilhelm Will, aus Wolfgang Wolf und aus dem Hermann ein Herr. Steinhards Nachfahren wurden zu Stein, Bernhards zum Bär, Hugberts zu Haug oder Hug und die von Johannes zu Jenne. Auch die Verniedlichung von Personen blieb nicht ohne Folgen: Aus dem Hein wurde das Heinlein oder der Heine(c)ke(n), aus dem kleinen Andreas der Enderlin, aus Jakobus der Köbelin und aus dem Markward der Merklin oder Merkle, der in Ostdeutschland Merkel heißt. Eine weitere Verkleinerungsform war neben dem "le" das "z": aus Friedrich wurde der Nachname Fritz, aus Ulrich der Utz, aus Walter der Walz und aus Konrad der Kunz(e). Somit trägt der Namensforscher sogar den gleichen Vor- wie Nachnamen.

Weitere Namen wurden nach Wohnort und Herkunft vergeben. So wohnten die Vorfahren des Berger an einem Berg, die Hornecker an einem Horneck, die Familie Hess stammte vermutlich aus Hessen und die Kullmer aus Colmar. Der Höfflin hatte wahrscheinlich in einem kleinen Hof gewohnt und der Adler in einem Haus, das "zum Adler" benannt war. Der Breisacher hatte einst Breisach hinter sich gelassen, und der Föhrenbach stammt aus dem heute Vöhrenbach geschriebenen Ort im Schwarzwald.

Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit ist das Aussehen der Menschen. So wurde aus dem Schielenden der Schiller oder Schily, aus dem Mann mit der langen Nase der Langnese, aus dem Hellhaarigen der Weishaar und aus dem mit dem verstrubbelten Haar der Ströbele.

Warum Herr Schmidt mehr wiegt als Herr Schneider

Die häufigsten Nachnamen in Deutschland, so Professor Kunze, sind auf Berufe zurückzuführen. Die Hitliste führt hier der Müller an: Jeder zehnte Deutsche heißt Müller, gefolgt von Schmidt, Schneider, Fischer und Meyer. Eine Studie unter Sportlern untersuchte die Verbreitung der Namen Schmidt – abgeleitet vom Beruf des Schmieds, der eine kräftige Statur erfordert – und Schneider, ein Handwerk eher für Leichtgewichte. Das Ergebnis war deutlich: Unter Kugelstoßern fanden sich überdurchschnittlich viele Schmidt und wenig Schneider. Bei Langstreckenläufern hingegen ist es genau umgekehrt.

Meier, Nummer eins auf der Eichstetter Namensliste, bedeutet so viel wie "großer Bauer", der die Abgaben für die Herrschaft in Empfang nahm. Kurioserweise gibt es in der Mitte von Deutschland einen weißen Fleck, das "Meierloch". Der Grund: In dieser Region sagt man "Hoffmann" statt "Meier".

Kirchweihfeste und Kriege ließen Namen wandern

Für Schmunzeln unter den Zuhörern sorgte die Tatsache, dass 80 Prozent der Bevölkerung heute noch dort leben, wo sie bereits vor 800 Jahren gelebt haben. Denn Mobilität gab es lange Zeit kaum. Einer der wenigen Gründe, das Dorf zu verlassen, war früher ein Kirchweihfest in der Nähe. Mit ein wenig Glück fanden junge Männer dort ihre Frau und so vielleicht auch ihre neue Heimat. Und so bewegten sich die Familiennamen nur ganz langsam im "Kirchweihradius" weiter.

In Eichstetten fallen, wie vielerorts am Kaiserstuhl, die vielen Namen mit der Endung -lin auf, wie Höfflin, Rinklin oder Schöpflin. Hier führt die Spur den Namensforscher in die Schweiz. Denn von dort kamen nach dem Dreißigjährigen-Krieg und den Franzosenkriegen des 17. Jahrhunderts viele Zuwanderer – und damit ihre Nachnamen – in den fast völlig verwüsteten Kaiserstuhl.

Autor: Christa Rinklin