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04. Februar 2012

Sprechstunde beim Schlepperdoktor

Walter Wiedemann aus Emmendingen weiß Rat, wenn ein landwirtschaftlicher Oldtimer mal schlappmacht.

  1. Als Nothelfer auch in aussichtslosen Fällen ist Walter Wiedemann bei vielen Liebhabern alter Bulldogs hochgeschätzt. Foto: Ute Schöler

BREISGAU. Zum 20-jährigen Bestehen des Vereins "Bulldog- und Schlepperfreunde Oberhausen" startete die BZ im Sommer die Serie "Mein Traktor und ich". Es wurden Besitzer alter Schlepper zwischen Kaiserstuhl und nördlichem Breisgau vorgestellt, die von der Faszination der landwirtschaftlichen Oldtimer erzählten. Allerorten fiel dabei bewundernd der Name Walter Wiedemann, genannt "der Schlepperdoktor". Die BZ besuchte ihn in seiner "Sprechstunde" in Eichstetten.

"Der kennt jedes Teil von jedem Bulldog, den es gibt", heißt es bei Traktorfreunden im Breisgau und am Kaiserstuhl. Wer eines der Liebhaberstücke besitzt, weiß den Schlepperdoktor als Nothelfer sehr zu schätzen.

Für den jungen Walter Wiedemann stand am Anfang seiner Leidenschaft die Maschinenbauerlehre bei der Firma Rheinauer in Freiburg, mit Gründungsjahr 1886 eines der ältesten Freiburger Unternehmen. "Die haben eigene Verbrennungsmotoren hergestellt – liegende und stehende 4-Zylindermotoren", erzählt der heute 66-Jährige, "die beste Lehre im Bereich Motoren, die es in der Gegend gab." Einen Motor brauchten nicht nur die Schlepper, sondern auch Generatoren in Krankenhäusern, Banken oder auf dem Militärflugplatz Bremgarten. Wiedemann war dort überall im Einsatz, an vielen Stücken seiner Sammlung hat er schon als Lehrbub geschafft.

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In einem Eichstetter Hof pflegt Wiedemann heute 8 Traktoren und 20 Standmotoren. An seinem Emmendinger Wohnort sind es über 20 Motorräder – allein 14 mit Baujahren von 1908 bis 1935.

Zum BZ-Termin hat Wiedemann eine schöne Szene geschaffen. Sofort fällt ein blitzblankes Prachtstück ins Auge. Es ist ein liegender Einzylinder-Motor, der Deutz MIH 128. Sein größerer Bruder, ein MIH 338 mit Baujahr 35, ist noch nicht renoviert. Er hatte in der Bahlinger Adlermühle gedient.

Auf abgelegene Bauernhöfe kam der Strom – damals 110 Volt – zunächst durch 4-Takt-Motoren. So konnte man zum Beispiel Dreschmaschinen betreiben. Ein so genutzter französischer "Bernard" von 1920 stammt aus der Gegend von Toulouse (links im Bild).

Bis der wieder lief, musste Wiedemann zunächst eine Kupplung bauen und hierzu seine Magnetsammlung durchforsten – der größte der rund 100 Stück stammt vom Panzermotor.

Die Motorenleidenschaft seit Jugend zog weite Kreise, schon durch die frühere Kundschaft entstand ein großes Einzugsgebiet. "Wotsch emol luege?", hörte Wiedemann, wo immer es motorentechnisch klemmte. Durch Bekannte oder Reisen erweiterte sich der Radius bis nach Belgien und Spanien, sogar im Urlaub werden Schrotthändler besucht. "Auf dem Campingplatz hab ich das dann alles zerlegt", erzählt Wiedemann schmunzelnd, "und mit dem Campingbus hoch transportiert - nicht ganz einfach, die Gewichtsverteilung."

In Spanien lernte Wiedemann die Familie Santi Bach bei Girona kennen. Bach besaß einen reparaturbedürftigen Lanz Bulldog, Fabrikation Lanz Iberica Madrid, der natürlich im Folgeurlaub wieder in Gang gesetzt wurde. Durch Verbindung mit einem Elsässer Sammler ergaben sich Kontakte nach Südfrankreich. Gemeinsam klapperte man die Höfe ab, um ausgemusterte Maschinen zu kaufen.

Auch ein Deutz Traktor des Baujahrs 1936 hat Geschichte, der legendäre 11er Bauernschlepper, wassergekühlt und mit Kurbelanlasser. Sein Arbeitsleben verbrachte er am Batzenberg in Ebringen bei einem Landwirt, der damit Lohnarbeit machte. "Ganz wichtig war das Mähwerk", weiß Wiedemann, "damit hörte die Schinderei mit Pferden und Rindern auf." Ein Klappgreifer am Hinterrad half, wenn man stecken blieb – und wenn gar nix mehr ging, holte man Pferd oder Rind zum Rausziehen. Auf einem eisenbereiften Leiterwagen wurde außerdem die Hitlerjugend zum Exerzieren nach Staufen gefahren. "Das Problem bei dem Modell ist die Wasserpumpe, die wird immer wieder undicht", weiß Wiedemann. Als der alte Besitzer die Pflege aufgab, rief er an und übergab Schlepper samt Unterlagen – darunter Bezugsscheine für Brennstoffe aus der Kriegszeit.

Im November 1990 entstand im Freundeskreis die Idee zu einer Schlepperfahrt nach St. André, Partnergemeinde von Eichstetten. "Erst haben uns alle für verrückt erklärt", lacht Wiedemann, "aber im Frühjahr 1991 haben wir die erste Sitzung gemacht und am 13. Juli war Start am Kirchplatz." In siebentägiger Fahrt ging es hinunter bis ans Mittelmeer – noch heute schwärmen alle davon.

"Eins muss ich noch sagen", sagt Wiedemann zum Abschied: "Ich hab gar nie bereut, dass ich diesen Beruf gelernt habe – und hatte dazu eine wirklich tolle Firma!"

Autor: usö