Ein anderer Blick auf den Menschen

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mi, 11. Juli 2018

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Die Wissenschaftstheoretikerin, Biologin und Genderforscherin Donna Haraway wirbt für das "Chthuluzän".

Als der Begriff "Anthropozän" Anfang der 80er Jahre erstmals auftauchte, war er als Warnung gemeint: Wir Menschen nutzen fossile Brennstoffe exzessiv und werden unseren Planeten dadurch nachhaltig verändern. Wenn wir so weitermachen, wird unser Zeitalter – auch wenn es erdgeschichtlich gesehen vielleicht nur sehr kurz sein wird – in den Erdkundebüchern irgendeiner Folgespezies als sehr dünne, aber geologisch sehr bedeutsame Schicht aufgeführt werden. Sie wird gekennzeichnet sein durch das sechste große Artensterben auf der Erde – inklusive der Selbstausrottung der menschlichen Art.

Die Bezeichnung Anthropozän hat sich durchgesetzt, die damit verbundene Warnung weniger. Eher schwingt heute ein wenig Stolz mit bei dem Begriff. Wollten wir uns die Erde nicht immer untertan machen? Vielleicht werden wir die dünnste Erdschicht aller Zeiten sein, aber es wird die beste sein. Wir haben die Menschheit groß gemacht.

Es ist Zeit, das Projekt Homo sapiens zu erneuern

Da kommt Donna Haraways neues Buch "Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän" gerade recht. Der emeritierten amerikanischen Professorin wird jetzt auch an der Universität Freiburg ein Symposium inklusive Filmvorführung im Kommunalen Kino gewidmet. Haraway hat als Wissenschaftstheoretikerin, Biologin und Genderforscherin ein feines Gespür dafür, wenn ein Begriff letztlich dazu dient, wieder eine dieser Geschichten vom maskulinen Weltenmacher und mordbereiten Jägerhelden zu erzählen, dem alles außer ihm selbst Requisit oder Opfer ist. Sie stimmt dem unter dem Stichwort Anthropozän aufgelisteten Schadensregister durchaus zu, auch wenn sie es wegen der zugrundeliegenden Dynamik lieber "Kapitalozän" nennt. Nur sieht sie im Schatten dieser Begriffe schon die nächste "kantianisch globalisierende Kosmopolitik" im Bündnis mit "griesgrämig-heideggerianischem menschlichem Exzeptionalismus" zum apokalyptischen Penisvergleich hochrüsten. Haraways Fazit: "Der Anthropos ist ein zu engstirniger Kerl", um eine Zeit nach ihm zu benennen. Sich im Anthropo- oder Kapitalozän einzurichten, befördert Zynismus und Schwarzseherei und laugt unsere Fähigkeit aus, "uns andere Welten vorzustellen und für sie Sorge zu tragen".

Deshalb setzt Haraway den Begriff "Chthuluzän" dagegen – ein Kunstwort, das mit seiner altgriechischen Wurzel "von der Erde kommend" auf elementare Kräfte verweist, die der Mensch in seiner selbstbezüglichen Gedankenlosigkeit solange ausgeblendet hat, bis sie ihm als selbstgemachte (Klima-)Katastrophe um die Ohren fliegen. Zum andern verweist es auf eine Spinne (Pimoa Chthulhu), die Haraway mal gebissen und so an den Austausch und das Mit-Sein des Menschen mit andern Arten gemahnt hat.

Es ist Zeit, den Menschen nicht nur, aber auch zum eigenen Besten von seinem Universalanspruch zu kurieren. Haraway will das stagnierende Projekt des Homo sapiens als eines sich selbst erzeugenden und den Planeten zerstörenden Unternehmers zerschreddern und aus dem unterkomplexen Humanen zukunftsfähigen Humus kompostieren. Den Menschen auf dem Misthaufen der Geschichte landen zu lassen, mag albern, beleidigend und esoterisch zugleich klingen, ist aber sehr ernsthaft, mitfühlend und wissenschaftlich gedacht. Universelle Ansprüche und partikulare Interessen befördern für Haraway eine Kultur des Wegschauens, eine gedankenlose Banalität des Bösen, für die das Funktionieren wichtig ist, aber nicht die Welt.

Davor rettet nur der Blick aufs Detail. Wir sind mit der Welt kleinteilig verheddert und verfilzt. Haraway empfiehlt, wir sollten uns von der unterkomplexen Fiktion eines aus sich selbst heraus autopoietisch gestaltenden Menschen verabschieden, und uns stattdessen als sympoietisch mit anderen Lebensformen verbunden betrachten. Wie das aussieht, verdeutlicht Haraway etwa an der postmenopausalen Partnerschaft mit ihrer Hündin. Welche Moleküle, gesellschaftlichen Strukturen und Mit-Wesen gären in beiden, wenn sie Östrogene aus Pferde-Urin einnehmen? Andere Fragen, die sie aufwirft: Welche umweltverändernden Wahrnehmungsfäden knüpfen 8000 Frauen aus aller Welt mit dem Korallensterben, wenn sie in einem mathematischen Kunstprojekt dieses einzigartige Ökosystem nachhäkeln? Können indigene Praktiken vom Kohleabbau zerstörte Orte zu Inseln des Überlebens und Fortdauerns rekompostieren?

Klopfte Haraway in den 80er Jahren mit ihrem legendären "Cyborg Manifesto" die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine auf ihr Potenzial für eine anders vernetzte Welt ab, endet "Unruhig bleiben" mit dem Vorschlag, Nachkommen in artenübergreifenden Dreierkonstellationen aufzuziehen und jedem Menschenkind eine bedrohte Spezies als Symbionten zuzugesellen. Die Hoffnung: Wenn sich das Gefühl der gegenseitigen Verantwortung über die eigene Art hinaus weitet, werden Bande zu einem tragfähigen Netz des Chthuluzäns geknüpft, das selbst unser hyperaktives anthropozentrisches Kapitalozän auffangen kann. Einen Versuch ist es wert.

Donna Haraway: Unruhig bleiben. Aus dem Amerikanischen von Karin Harrasser. Campus, Frankfurt 2018. 350 S., 32 Euro.
Filmporträt "Donna Haraway: Storytelling For Earthly Survival", Freiburg, Kommunales Kino, Freitag, 20. Juli, 19 Uhr.
Symposium "Living in Posthuman Worlds", Freiburg, Liefmannhaus, 20./21. Juli. Info unter: mehr.bz/posthuman Anmeldung bis 16. Juli unter genderingMINT@uni-freiburg.de