Ein Dampfer in unruhiger See

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Mi, 03. Januar 2018

Schliengen

DAS THEMA 2017 IN SCHLIENGEN: Die Winzergenossenschaft trennt sich von ihrem Geschäftsführer und muss sich neu sortieren.

SCHLIENGEN. Während 2017 für die Gemeinde Schliengen selbst ein eher ruhiges Jahr war, geriet die Erste Markgräfler Winzergenossenschaft Schliengen-Müllheim – immerhin eine der größten WGs in Südbaden – in ernsthafte Turbulenzen. Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten stand vor allem der Weggang des langjährigen Geschäftsführers Wolfgang Grether im Fokus der Aufmerksamkeit. Zum Jahreswechsel, so ist aus der Vorstandsetage zu hören, sei der Dampfer wieder weitgehend auf Kurs gebracht worden.

Hinter den Kulissen rumort hat es wohl schon länger, doch einer breiteren Öffentlichkeit wurde es so richtig bewusst, dass bei der WG Schliengen-Müllheim etwas im Busch sein könnte, als Wolfgang Grether bei der Hauptversammlung im März seinen Rückzug bekannt gab – allerdings zunächst nicht sofort, sondern mit einer Übergangsfrist bis 2019. Gesundheitliche Gründe wurden für den Rückzug genannt, dennoch sorgte schon diese Nachricht für einiges Aufsehen, denn Wolfgang Grether hatte – mit einer kurzzeitigen Unterbrechung – immerhin 21 Jahre lang die Schliengener WG geführt. Und das, so wurde auch im Nachgang immer wieder betont, die weit überwiegende Zeit sehr erfolgreich.

Doch in den vergangenen Jahren ist offenbar erheblich Sand ins Getriebe geraten. Es gab eine hohe Fluktuation in der Mitarbeiterschaft, von betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Schwierigkeiten war die Rede und vor allem: Die Erlöse für die Winzer gingen zurück. Zuletzt wurde die Situation so dramatisch, dass bald ein Drittel der insgesamt 360 Hektar Fläche der WG samt ihrer angeschlossenen Betriebe von Kündigung bedroht waren.

Die Hauptursache für die Querelen sahen die Verantwortlichen in Vorstand und Aufsichtsrat in der Person von Wolfgang Grether. Statt, wie zunächst verkündet, die Übergangszeit abzuwarten, wurde Grether gegenüber gleich dreimal die fristlose Kündigung ausgesprochen – verbunden mit schweren Vorwürfen bezüglich seiner Geschäftsführung. Neben dem Aufbau einer zunehmend unübersichtlichen Geschäftsstruktur in der WG Schliengen, die während der Ära Grether durch die Fusionen mit Müllheim (2001), Buggingen (2005), Bahlingen (2011) und Weingarten (2015), zu einem großen und komplexen Betrieb angewachsen war, gab es auch heftige Kritik an Grether persönlichem Gebaren. Sei es aufgrund seines Engagements in seinen eigenen, privaten Weinhandelsgesellschaften, sei es wegen undurchsichtigen Geschäftspraktiken gegenüber diversen Kunden und Partnerunternehmen oder wegen des Vorwurfs des Verrats von Geschäftsgeheimnissen. Grethers "Verstöße" hätten "ein kaum noch nachvollziehbares Maß an Selbstherrlichkeit und Selbstbedienungsmentalität" demonstriert, schrieben WG-Vorstand und Aufsichtsrat Ende Juli in einer Pressemitteilung.

Grether selbst indes wehrte sich gegen die Vorwürfe und kündigte zunächst an, gerichtlich gegen die fristlose Kündigung vorzugehen. Alles, was nun kritisiert werde, habe er im Einvernehmen mit Vorstand und Aufsichtsrat getan, so lautete Grethers Verteidigungslinie. Sämtliche Geschäftsberichte seien überdies von übergeordneten Gremien wie dem Genossenschaftsverband abgesegnet worden. Von "Verschleierung", wie ihm vorgeworfen wurde, könne keine Rede sein.

Die juristische Auseinandersetzung zwischen Grether und der WG ist inzwischen vom Tisch, wie die BZ auf Anfrage zum Jahreswechsel vom stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Siegfried Ernst erfuhr. Man habe sich außergerichtlich mittels eines Vergleichs geeinigt, berichtete Ernst, über dessen Details Stillschweigen vereinbart worden sei.

Parallel dazu begannen im Spätsommer die Konsolidierungsbemühungen in Schliengen. Mit Karl-Friedrich Seywald wurde ein neuer Geschäftsführer installiert, der bis dahin Innendienstleiter der WG war. Gleichzeitig klinkte man sich bei der Wein-Allianz ein, einem Verbund von acht über (Wein-)Deutschland verteilten Winzergenossenschaften. Dieser Verbund organisiert nicht nur den überregionalen Vertrieb, sondern sorgt auch für eine einheitliche Geschäfts- und IT-Struktur in den Mitgliedsbetrieben.

Die neue Führungsriege um Ernst, Seywald und den Vorstandsvorsitzenden Hans Lämmlin mistete zudem diverse unter Grether geschlossene Verträge und Vereinbarungen aus und verschlankte die stark verästelte Betriebsstruktur, in der sich etliche auf dem Papier eigenständige Gesellschaften getummelt hatten. Mit dem Verkauf des alten WG-Lagers in Müllheim an einen Investor, der dort einen Lebensmittelmarkt einziehen lassen will, gelang offenbar auch ein finanzieller Befreiungsschlag, so dass Siegfried Ernst Anfang September verkünden konnte: "Mit Blick auf die Liquidität sind wir gut unterwegs."

Nun gelte es, in ruhiges Fahrwasser zurück zu finden. Und Vertrauen zurückzugewinnen, meint Siegfried Ernst. Dabei denkt er weniger an die Kunden – die trotz aller Turbulenzen weiterhin mit gutem Wein versorgt wurden – als vielmehr an die Winzer. Die Auszahlungen an sie, so das erklärte Ziel im Jahr 2018 und den folgenden, soll wieder auf ein Niveau gebracht werden, dass eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft attraktiv bleibt, die in diesem Jahr 110. Geburtstag feiert.