Ein Dino will jünger und weiblicher werden

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 20. Januar 2019

Rock & Pop

Der Sonntag Das Basler Jazzfestival stellt mehr von Frauen geleitete Ensembles in den Fokus und verjüngt sich ohne sich in Experimente zu stürzen.

Und dann bricht beim Jazzenthusiasten Urs Blindenbacher doch einmal der Deutschlehrer durch: "Wir machen es nicht wie Goethes Faust durch einen Pakt mit dem Teufel, aber wir wollen uns verjüngen." Seit bald 30 Jahren veranstaltet Blindenbacher neben seinem Lehrerjob Konzerte mit Offbeat, wie sich der "Dinosaurier" der Basler Jazzlandschaft nennt, und vor allem das große Jazzfestival im Frühling. Das war manchen schon immer zu sehr am Mainstream orientiert und nicht taufrisch und vital genug.

Dass es jetzt wirklich einen Verjüngungsschub im Programm festzustellen gibt, hat mehrere Gründe. Einen Anlass beschreibt Blindenbacher selbst: Er habe im Herbst mit dem Management des Pianostars Chick Corea telefoniert. Dessen Gagen waren schon länger wie bei allen Größen enorm gestiegen, doch nun hätten die Basler doppelt so viel zahlen sollen als noch 2017. "Ihr seid doch verrückt", meinte Blindenbacher. "Ihr seid selbst schuld in Europa", der Agent. Es werde ja immer bezahlt, was auch immer die großen Stars verlangten. "Schaut doch lieber nach jungen Leuten." Und das will Offbeat nun verstärkt.

Je nach Zählweise gibt es auch in diesem Jahr wieder ein bis zwei Dutzend Schwerpunkte und Themen für 29 Konzertabende, darunter auch ganz neue. Zwar wirkt ein Begriff wie "Frauenpower" etwas väterlich-bevormundend. Doch wie im Rock und Pop gibt es inzwischen unzählige hochkarätige Formationen, die von Frauen geleitet werden. In vielen Programmen bleiben sie aber deutlich unterrepräsentiert. Also: "Women in Jazz". Das beginnt bei der Festivaleröffnung am 26. April in der Kaserne mit Somi & Band. Die in Sambia und Illinois aufgewachsene Sängerin kombiniert mit ihrer Männertruppe afrikanische Einflüsse mit souligem Jazz. Vor ihr spielt das Afro-Beat-Kollektiv Kokoroko aus London, Bandleaderin ist die Trompeterin Sheila Maurice-Grey. Am 29. April führt Klarinettistin Anat Cohen ihr Tentet mit dem Programm "Happy Song" auf die Bühne des Volkshauses. Fado-Star Christina Branco kommt mit ihrem Quintet am 8. Mai ebenfalls ins Volkshaus, am 10. Mai spielt die Sängerin Elina Duni im Duo mit dem Basler Pianisten Jean-Paul Brodbeck. Am 18. Mai zeigt Eva Kruse, die früher Bass bei Michael Wollnys [em] spielte, wie sie mit eigenem Quintet klingt – als Ersatz für Carla Bley, deren Gesundheit zu stark schwankt. Am 17. Mai spielt die Pianistin Lynne Ariale im Bird’s Eye. Und am 17. Mai kommt die Klarinettistin Annette Mayé in die Kulturscheune Liestal, die seit Studientagen mit dem Freiburger Perkussionisten Murat Coskun das Ensemble FisFüz leitet.

Bei jüngeren Künstlern verspricht das Basler Festival Etablierte und Newcomer. Noch wenig bekannt ist Edmar Castaneda, der am 20. Mai das Festival beschließt – mit einem im Jazz noch weniger bekannten Instrument: der Harfe. Solo. Aus Basel in die Welt zog das Pianotrio Vein, das am 18. Mai erstmals mit der Swedish Bigband auftritt (Volkshaus). Am Durchstarten ist das Manchester Piano-Trio Gogo Penguin (7. Mai im Volkshaus), und Emile Parisien hat sich mit seiner Klarinette an die Spitze der europäischen Innovatoren gesetzt. Er kommt mit seinem Projekt "Sfumato" am 28. April in die Kaserne, wo er sich den Abend mit dem deutschen Superstar Michael Wollny teilt.

Neuen Jazz, gepaart mit orientalischen Wurzeln bieten am 27. April in der Kaserne das Faraj Sulemian Trio aus dem Libanon sowie der britische DJ und Keyboarder Kamaal Williams. Und natürlich gibt es an den beiden Konzerttagen zwischen 17 und 24 Uhr im Basler Jazzcampus viele junge Musiker vor allem aus der Schweiz zu entdecken.

Etablierter sind Stars wie Kontrabasslegende Renaud Garcia-Fons mit einem Flamenco-projekt am 11. Mai in der Dorfkirche Riehen, die Band des Schlagzeugers Wolfgang Haffner widmet sich Spanien am 13. Mai im UBS Forum, der große Drummer Peter Erskine kommt mit Quartett am 14. Mai (Jazzclub Q4, Rheinfelden/Schweiz). Nicht zu vergessen The Bad Plus mit neuem Pianisten am 3. Mai, davor stehen Akkordeonist Klaus Paier und die Cellistin Asja Valcic auf der Bühne, die sich von Filmbildern inspirieren lassen (Gare du Nord im Badischen Bahnhof).

Urs Blindenbacher will Verjüngung und Fokus auf weiblichen Gruppen auch im Jubiläumsjahr 2020 fortsetzen. Dem kann er sich erstmal mit ganzer Kraft widmen: Kommende Woche muss er noch Abitursklausuren korrigieren. Dann geht er in Pension.René Zipperlen
Jazzfestival Basel 26. April bis 20. Mai an verschiedenen Orten. http://www.offbeat-concert.ch