Ein Erbe zwischen Last und Lust

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 28. September 2017

Kultur

Das Festival Culturescapes hat auf einen Zweijahreszyklus umgestellt und widmet sich in der ersten Ausgabe als Biennale Griechenland.

Culturescapes hat sich gehäutet. Jurriaan Cooimans multidisziplinäres Kulturfestival, das seit 2003 jeweils ein Land oder eine Region auf Basis ihrer kulturellen und intellektuellen Produktion ausleuchtet, findet inzwischen als Biennale statt, also nur mehr im Zweijahreszyklus. Dahinter aber stecke kein Spardruck, sondern die Intention, die Schwerpunkte intensiver vorbereiten zu können, erläuterte der in Basel gelandete Niederländer bei der Präsentation des 14. Festivalprogramms im Naturhistorischen Museum Basel am Dienstag. Tatsächlich sei das Budget sogar deutlich gewachsen. So stünden zuzüglich der Eigenbeiträge der rund 40 Partnerorganisationen nun 1,4 Millionen Franken an Zuschüssen bereit. Davon stammt übrigens gut ein Drittel vom Kanton Basel-Stadt als größtem Geber.

Inhaltlich widmet sich das Festival dieses Mal in der bewährten, alle Sparten und Genres aufgreifenden Struktur für zwei Monate und mit fast 200 Veranstaltungen in 13 Schweizer Städten sowie in Lörrach dem Thema Griechenland. Ein "rätselhaftes Land", wie Cooiman findet – zumal in der Verbindung des antiken Erbes und der Rolle als "Wiege der westlichen Zivilisation" auf der einen Seite sowie als "Brennpunkt" der multiplen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Krise im Europa der Gegenwart auf der anderen Seite. Eine Perspektive, die die internationale Wahrnehmung dieses kulturell vielfältigen und reichen, bevölkerungsmäßig aber kleinen und wirtschaftlich eher unbedeutenden Landes dieser Tage prägt.

Das antike Erbe und der zeitgenössische Umgang damit, die "Schlachten um das Erbe", wie Cooiman es nennt, sind denn auch einer der roten Fäden, die Culturescapes 2017 strukturieren. 80 Prozent des in den Kultursektor fließenden Geldes werde für den Erhalt dieses Erbes eingesetzt, weiß der Festivalleiter. Andererseits ist diese griechische Antike auch eine europäische Projektion, eine große Erzählung, die nicht zuletzt vom deutschen Idealismus im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert geschrieben wurde, und die Wahrnehmung des Landes bis heute kolonisiert. Dabei treffen und trafen dort seit Jahrtausenden vielfältige Einflüsse aufeinander – mazedonische, osmanische auch jüdische bis hin zu dem von den deutschen Nazis vernichteten "Jerusalem des Balkan", der sephardischen Diaspora in der makedonischen Metropole Thessaloniki.

Einen kreativen Umgang mit dem antiken Erbe versucht zum Beispiel die Ausstellung "The Decline of Heroes" im Antikenmuseum Basel. Dort greifen zeitgenössische griechische Künstler mit aktuellen Positionen in die Dauerausstellung ein. Das Naturhistorische Museum zeigt ein raumfüllendes Wandbild des Athener Streetartisten WD – Wild Drawing "The Heirs of Fire", das die Menschheitsgeschichte seit der Entdeckung des Feuers abbilden will. Der Frage, inwiefern das Denken klassischer Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles eine Rolle spielt im Alltag der Gegenwart, will das Festival zudem auf "Denkwegen" durch Basel mit dem Philosophicum erkunden.

Aber es geht – wie gesagt – keineswegs nur um antikes Erbe, sondern auch den Umgang mit aktuellen Krisen und Kategorien wie Identität oder Solidarität. Dabei wolle Culturescapes aber weg von klischeehaften Betrachtungen à la Strand und Souflaki und den proaktiven Umgang mit Krise zeigen und das wiederum quer durch alle Sparten – in den Bühnenkünsten, aber auch in der Musik, in Literatur und nicht zuletzt im Film. Die Athener Theaterlandschaft beispielsweise gilt trotz notorischer Finanzprobleme als eine der lebendigsten im südöstlichen Europa.

Allein in der Sparte präsentiert das Festival neben bekannten hiesigen Gruppen wie Rimini Protokoll drei Koproduktionen, und zwar zur Eröffnung in der Kaserne Dimitris Papaioannous gewaltiges Bildopus "The Great Tamer" (Der große Zähmer), das den menschlichen Körper erforscht. Dazu kommen das "Institute of Global Loneliness" der Blitz Theatre Group und die schweizerisch-griechische Zusammenarbeit "Money Piece I (Comedy)" mit dem Basler Regisseur Marcel Schwald. Darin geht es um den persönlichen Umgang mit Geld. Das aber nicht als weitere "Bebilderung der Krise", die Betroffene auf ihr Betroffensein reduziert. Das sei vor allem den griechischen Mitwirkenden wichtig gewesen, schilderte Schwald vor den Medien. Denn diese wollten die Opfer nicht ein weiteres Mal ausbeuten und aus ihrem Elend künstlerisch Profit ziehen.

Auch das griechische Kino gilt seit 2010 als eine Art "Wunderland" (Cooiman) des Films und weckt international zunehmend Aufmerksamkeit. Ausgangspunkt dafür waren nicht zuletzt Filme wie "Kynodontas" (2009) von Yorgos Lanthimos und "Attenberg" (2010) von Athina Tsangari, die durch ihre einzigartige Mischung aus Surrealismus und gestalterischer Strenge auffielen. Eine Hommage an Yorgos Lanthimos bildet denn auch einen Schwerpunkt einer umfangreichen Filmreihe im Stadtkino Basel. In der Musik gibt’s unter anderem diverse Begegnungen mit griechischem Jazz im Bird’s Eye Jazzclub etwa mit dem Quartett des Lyraspielers Sokratis Sinopoulos, aber auch mit einem achtköpfigen Mönchschor vom Berg Athos, der im Basler Münster auftritt, oder dem jungen klassischen Pianisten Vassilis Varvaresos, der im Burghof Lörrach gastiert.

Culturescapes: 5. Oktober bis 3. Dezember, diverse Schauplätze unter anderem in Basel, Dornach und Lörrach

Das umfassende Programm und alle konkreten Termine finden sich unter: http://www.culturescapes.ch