Pop

Ein Festival der Liebe – James Blakes Album "Assume Form"

Peter Disch

Von Peter Disch

Do, 17. Januar 2019 um 19:40 Uhr

Rock & Pop

Und es gibt doch so etwas wie Glück im Leben: James Blakes neues Album "Assume Form" zeigt den Popmusiker weltzugewandt und optimistisch wie nie zuvor.

Popjournalismus geht heute so. Mit Spannung erwartete neue Alben wie das des Briten James Blake fallen einfach vom Himmel. Am Donnerstag, 10. Januar, eine Mail der Plattenfirma: Obacht! Erscheint bereits in einer Woche. Tags drauf folgt ein Link zu einer passwortgeschützten Streamingplattform mit den neuen Songs. Exakt 96 Stunden aktiv. Dienstag Punkt 16 Uhr verstummt die Musik. Das war’s. Kein Booklet. Keine Texte. Keine Infos.

Das Spiel, sich auf einer solch dünnen Basis ein Urteil zu bilden, muss natürlich keiner mitmachen. Einfach abwarten, bis die Platte nicht mehr "Streng vertraulich" ist wie Donald Trumps Atomkoffer, sondern von jedermann gekauft werden kann, sie auf diese Art in Ruhe zu hören und dann erst zu schreiben – das wäre die andere Möglichkeit. Aber wer will in einer Zeit, in der das Internet das Thema Aktualität neu definiert hat, deutlich später dran sein als andere Medien?

Die Entscheidung für den schnellen Text fällt in diesem Fall leichter, weil Blakes neues Werk "Assume Form" eindeutig hält, was sich alle davon versprochen haben. "Where’s The Catch?" – "Wo ist der Haken?" ist der rhetorisch fragende Titel des achten von zwölf Stücken, gestellt vom rappenden Gaststar André 3000. Die Antwort: Es gibt keinen. Mehr noch: Die Mensch gewordene Trauerweide James Blake sieht endlich Licht am Horizont. Ja, es gibt so etwas wie Glück im Leben. Und schuld daran ist natürlich, hach – die Eine, die Einzige. So ist Blakes viertes Album ein Festival der Liebe geworden. Zumindest für die Begriffe eines Mannes, der nachtblauen Weltschmerz an einem Spiegel aus elektronisch verfremdeten Folksongs, minimalistischen Klavier-Akkorden, synkopierten Beats und weißem Rauschen zur einflussreichsten Kunstform gemacht hat, die der britsche Pop in den 2000ern hervorbrachte.

Möglich wurde dieser ganz eigene Sound, weil Blake ein klassisch geschulter Pianist ist, der als Kunststudent tief in die Londoner HipHop-Szene eintauchte. Deren Abenteuer in Sachen Rhythmus überführte er in unwirklich-minimalistische Zeitlupenmusik. Zu der er im Falsett von den Leiden des jungen James erzählte und dem Rückzug in einen Kokon aus Selbstzweifeln und Realitätsflucht.

So ging das von 2011 bis 2016, drei Platten lang. Aber nun ist Vieles anders. Zu verdanken ist das wohl der Moderatorin und Schauspielerin Jameela Jamil. Sie und Blake sind seit 2015 ein Paar und leben mittlerweile, statt im regnerischen London,unter der Sonne von Los Angeles.

All das schlägt sich in der neuen Musik nieder, die optimistischer, weicher, verspielter klingt. Noch sprechender aber sind die Texte. Sie changieren zwischen den Protokollen einer Metamorphose und dem Minnegesang eines doch noch Erhörten. Deshalb hat die Platte einen programmatischen Titel, der den Reigen zwingend eröffnet. "I Assume Form / I Leave The Ether" – "Ich nehme Form an / Ich verlasse den Äther", postuliert Blake in seiner typischen Diktion. Hingeschrieben klingt das sehr pathetisch. Gesungen hört es sich großartig-ergreifend an. Endlich ist der 30-Jährige also im Hier und Jetzt angekommen. Und was es da so alles gibt, wenn es jemand anderen gibt! Gemeinsam zu Hause sitzen, dummes Zeug reden, die Musik Musik sein lassen. "Ich dachte immer, Du kommst erst an zweiter Stelle, nach meinen Songs. Aber da lag ich wohl falsch", wundert sich Blake in "Power On". Auch musikalisch eröffnen sich neue Welten. Jetzt kann er Balladen wie "Are You In Love" und "I’ll Come Too" schreiben, die nach seidigem Soul der Siebziger klingen. "Can’t Believe the Way We flow" wabert wie eine rosarote Wolke vorüber. Seine alte, um sich kreisende Existenz erscheint ihm nun wie ein schlechter Traum. Weshalb die erste Single "Don’t Miss It" eine doppelte Aufforderung ist: Die Chance, die Isolation hinter sich zu lassen, zu ergreifen – und sich vor Rückfällen in Acht zu nehmen.

Dass Blakes Musik noch nie zuvor so sehr von der Klangästhetik von HipHop und R&B geprägt war wie "Assume Form", ist naheliegend, nachdem er in den vergangenen Jahren mit Stars der schwarzen Musik wie Beyoncé, Frank Ocean und Chance The Rapper zusammenarbeitete. Das schlägt sich nun in Rapeinlagen von Travis Scott und Metro Boomin, ein paar gepitchten Stimmen, hie und da einfacheren Beats und mehr Samples nieder. Am Ende aber ist das immer immer noch James Blake. Ein großartiger Start ins neue Pop-Jahr.

James Blake: Assume Form (Universal).