Ein Generationswechsel zeichnet sich ab

Annette Hofmann

Von Annette Hofmann

Fr, 08. Januar 2016

Theater

Die junge Freiburger Tanzszene nutzt die neue Spielstätte Südufer des E-Werks zur Selbstorganisation und denkt über neue Formate nach.

Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein. Noch ist vieles im Fluss und nicht entschieden, welches Profil das Südufer bekommt, die neue Dépendance des Freiburger E-Werks. Theatersport oder darf es auch experimenteller sein? Die Veranstaltung "Labor Manifest" erlaubte vor einigen Wochen eine über den Anlass hinausgehende Momentaufnahme der freien Tanzszene, die die neue Spielstätte entschieden mitgestalten will. Ein Generationswechsel zeichnet sich ab.

"Das Thema ist manifest. Das ist ein Experiment. Ihr seid mittendrin", begrüßt die Tänzerin und Choreografin Monika Kozaczka die Ankommenden im Foyer. Der Fahrstuhl tut sich auf, zwei Musiker haben sich dort bereits niedergelassen. Wer im Lift keinen Platz mehr gefunden hat, verbleibt für weitere Minuten unter Performerinnen, die mit einem Lampenschirm auf dem Kopf an den Zuschauern vorbeilaufen oder neben einer Garderobe, aus der sich elegant Hände strecken.

Die Mischung von Hausbegehung, besser: Aneignung, Tanz, Performance und Musik, aber auch inhaltlicher Arbeit, die zum Abschluss der ersten Plattform zu sehen war, ist durchaus programmatisch. Gut 20 Tänzerinnen und Tänzer, aber auch Musiker hatten sich an ihr beteiligt und sich zwei Wochen in immer anderen Konstellationen getroffen. Einige sind neu in die Stadt, andere haben ihre Ausbildung bei Tipm, der Schule für Tanz, Improvisation und Performance, beendet und versuchen nun in der freien Szene Fuß zu fassen. Das Format dient der Selbstorganisation und der Netzwerkbildung und soll fortan jährlich stattfinden.

Just in dem Moment, in dem eine neue Spielstätte für die freie Szene eröffnet wurde, beginnt diese sich also neu zu formieren. Ein Zufall? Möglicherweise. Wüsste man zuverlässig, wie sich so etwas initiieren ließe, dann hätten es Kulturpolitiker leicht. Fast war schon zu befürchten, dass die Szene abwandert, nun sucht sie ihren Weg in Freiburg. Wesentliche Rahmenbedingungen haben sich gebessert, das Profitraining ist anders aufgestellt, die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Akteuren funktioniert und auch die Kontakte zum Theater Freiburg haben sich intensiviert.

Der Boden

schwingt nicht

"Was können wir an den Tanzbedingungen verändern, um zu bleiben?", fragt stellvertretend der Tänzer Jo Koppe. "Tanzboden im Südufer" konnte man während des "Labor Manifests" an der Wand der Garderobe lesen, die kurzerhand als temporäres Tanzbüro genutzt wurde. Tatsächlich wurde bei der Konzeption des Theaterraums an den Tanz am wenigsten gedacht. Der Boden schwingt nicht und zeitgenössischer Tanz hat nun einmal viele Bodenelemente. Gut für den Körper ist das nicht. Doch selten wurden so charmant Forderungen aufgestellt wie von dieser lose verbundenen Gruppe. Kurzerhand drehten sie ein Video, in dem sie mit Skiern sommerlich kahle Hügel hinunterschlittern, ohne Pferde über Hindernisse springen und auf dem Trockenen schwimmen. Das alles ist wie? Genau, wie Tanzen ohne Schwingboden. Man darf gespannt sein, ob diese Form unverkrampfter Lobbyarbeit fruchtet. Die junge Szene will beides: einerseits Stücke produzieren, andererseits sich neu aufstellen, Gemeinsamkeiten und einen eigenen Standpunkt suchen. Wünsche und Forderungen stehen im Raum und werden jetzt erstmals geäußert: eine bessere Bezahlung, ein Aufstocken der städtischen Projektförderung, tägliches Profitraining. Im eigenen Saft will man nicht kochen. Wer außerhalb von Freiburg Auftrittsmöglichkeiten hat, nutzt sie und erste Gastauftritte von befreundeten Compagnien wie etwa Lavamover aus Berlin fanden statt. Es gibt Pläne für neue Formate wie Open Stage-Abende, Präsentationen von Kurzstücken sowie Filmvorführungen, konkreter will man im Frühjahr werden. Keine Frage, da bildet sich gerade etwas Neues.