Neu im Kino

Ein Kind klagt gegen die Ungerechtigkeit der Welt: "Capernaum – Stadt der Hoffnung"

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Di, 15. Januar 2019 um 19:18 Uhr

Kino

Nadine Labakis bestürzender und dazu ungeheuer kraftvoller libanesischer Film "Capernaum – Stadt der Hoffnung".

Zwölf Jahre alt ist der Junge bei seiner Verhaftung – ungefähr zwölf, schätzt der Polizist, denn er hat keine Milchzähne mehr. Zain (Zain Al Rafeea) hat einen Mann niedergestochen, fünf Jahre Gefängnis warten auf ihn. Und dieses Kind verklagt jetzt die eigenen Eltern. Weil sie es in die Welt gesetzt haben, obwohl sie ihm keinerlei Unterstützung geben konnten. Vor Gericht erzählt Zain seine Geschichte, und die Anwältin, von Regisseurin Nadine Labaki selbst gespielt, ist sichtlich berührt vom Abgrund an Einsamkeit, Not und Überforderung, der sich da auftut.

Eine am Reißbrett der Gesinnung entworfene Politstudie? Nein, nur der etwas konstruierte Rahmen für ein absolut glaubwürdiges und nah am sorgfältig recherchierten libanesischen Alltag gedrehtes Sozialdrama, das in seiner Kraft und Energie seinesgleichen sucht. "Capernaum – Stadt der Hoffnung" wurde weltweit mit Auszeichnungen überschüttet, vom Großen Preis der Jury in Cannes 2018 bis zur Nominierung für den Golden Globe 2019 als bester nicht-englischsprachiger Film. In die Runde der letzten neun Kandidaten für den Auslands-Oscar hat es Nadine Labakis Film auch schon geschafft. Mag sein, dass die Juroren dabei auch vor Zains herzzerreißendem Schicksal in die Knie gingen, aber "Capernaum" versucht nie, sein Publikum mit traurigen Blicken aus großen Kinderaugen zu manipulieren, ist weder pathetisches Rührstück noch Elendsporno.

Die 1974 im Großraum Beirut geborene Schauspielerin und Regisseurin, die etliche Musikvideos gedreht und mit dem Frauendrama "Caramel" (2007) international auf sich aufmerksam gemacht hat, recherchierte für ihren neuen Film jahrelang in ihrer Heimat. Aber bereits sein Titel – das hebräische Wort "Capernaum" ist nicht nur der Name des Jesusorts am See Genezareth, sondern bedeutet auch "Chaos" – signalisiert, dass Labaki mit ihrer libanesischen Geschichte auch eine universale erzählen will. Von sozialer Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit, von Migration und Menschenhandel, von der Hoffnung auf ein besseres Leben und den Strukturen, die sie im Keim ersticken. Von Unordnung und frühem Leid.

Zains Eltern sind illegale Immigranten, hausen mit einem Stall von Kindern im Armenviertel von Beirut und halten sich mit Drogenschmuggel ins Gefängnis über Wasser. Im Viertel gibt es Kinder, die zur Schule gehen, Zains Mutter (Kawthar Al Haddad) würde es ihm auch erlauben – aber nicht etwa, um seine Chancen im Leben zu erhöhen, sondern seinen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt dann aber negativ aus, schon wegen der Papiere: Zain ist nirgends registriert, rechtlich also gar nicht existent. So bleibt ihm nur die Arbeit, etwa als Laufbursche für den Kleinhändler Assad, dem die Familie ihr Dach über dem Kopf zu verdanken hat. Und als Assad sich für Zains elfjährige Schwester interessiert, überlassen die Eltern sie ihm für ein paar Hühner. Der Junge verlässt die Stadt, wütend und verzweifelt. Unterwegs lernt er die äthiopische Immigrantin Rahil (Yordanos Shifera) kennen, eine Illegale auch sie.

Sie nimmt ihn mit in ihre Hütte in den Slums, gibt ihm Essen und Obdach, und im Gegenzug kümmert sich Zain um ihr Baby Yonas, das sie bisher während ihrer Arbeit als Putzfrau auf dem Klo versteckte. Rahil will mit ihrem Kind nach Europa, und dafür muss sie sich vom zwielichtigen Händler Aspro Papiere besorgen. Das Geld reicht noch lange nicht, aber auf Aspros Vorschlag, ihm den kleinen Yonas zu verkaufen, der doch bei anderen Eltern ein viel besseres Leben hätte, würde sie nie eingehen.

Doch dann kommt Rahil eines Tages einfach nicht von der Arbeit zurück. Der Zuschauer weiß warum, Zain nicht. Seine Suche nach ihr, seine Fürsorge für das Baby, seine Überlebenstricks zwischen Betteln und dem Verkauf von Drogenwasser, seine Fluchtvisionen mit einem Mädchen vom Bazar – Türkei oder Schweden, was ist besser?: Sie sind zu einem rasant geschnittenen und musikalisch kongenial vorangetriebenen Streetmovie komponiert, in dem keine Zeit, kein Platz ist für Tristesse oder Resignation.

Aber irgendwann geht es nicht mehr weiter mit Mahlzeiten, die aus Eiswürfeln mit Zucker bestehen, zumal der Junge und das Baby auch noch ihren Schlafplatz verlieren. Und Zain muss tun, was er bei den eigenen Eltern verachtet hat, etwa den Kleinen am Fußgelenk festbinden, weil er nicht dauernd auf ihn aufpassen kann. Und am Ende, als er keinen anderen Ausweg mehr sieht, wird er gar das Schlimmste tun: Yonas verkaufen an Aspro. Kein Neuland in Sicht, nirgends.

Die quasi dokumentarische Authentizität dieses wuchtigen Dramas verdankt sich einer genauen Beobachtung (Kameramann Christopher Aoun drehte freilich auch 520 Stunden Material, aus dem der Film dann entstand) – und seinen Darstellern, fast alle Laien und auf der Straße entdeckt. Was sie spielen, ist ihre Realität: Yordanos Shifera ist selbst illegal aus Äthiopien in den Libanon eingewandert und wurde während der Dreharbeiten verhaftet. Kawthar Al Haddad musste den eigenen Kinder Eiswürfel mit Zucker zu essen geben, und Zain Al Rafeea, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist, kennt Kinderarbeit statt Schulbildung nur zu gut. Er ist mit seinem struppigen und introvertierten Charme das wilde, verletzliche, sehnsüchtige Herz des Films.

Nichts ist erfunden in dieser Geschichte. Bis auf die Rahmenhandlung – die symbolisch zu verstehen ist. Ein Kind klagt gegen die Ungerechtigkeit der Welt: Wie anders sollte sie je möglich werden, eine Stadt der Hoffnung?

"Capernaum" (Regie: Nadine Labaki) kommt am Donnerstag, 17. Januar, in die Kinos. Ab 12.