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22. September 2010 09:41 Uhr

Zirkus Weisheit

Ein Leben auf dem Drahtseil

Ein ungewöhnlicher Zirkus gastiert derzeit im Rothauserland. Ungewöhnlich insofern, als die Vorstellungen einzig und allein von den fünf Zirkuskindern bestritten werden. Zehn Ponys, zwei Pudel und vier Ziegen sowie eine Katze sorgen weiterhin für den perfekten Schein innerhalb der Zirkusmanege.

  1. Mitmachen ist Pflicht bei einem Besuch im Zirkus Weisheit. Foto: Luisa Denz

GRAFENHAUSEN. Ein ungewöhnlicher Zirkus gastiert derzeit im Rothauserland. Ungewöhnlich insofern, als die Vorstellungen einzig und allein von den fünf Zirkuskindern bestritten werden. Marvin (18), Jasmin (17), Jennifer (12), Jeffre (10) und Justin (3) sind die Stars in der Manege des Zirkus Weisheit. Zehn Ponys, zwei Pudel und vier Ziegen sowie eine Katze sorgen weiterhin für den perfekten Schein innerhalb der Zirkusmanege.

Es ist ein Leben auf dem Drahtseil, das die Familie Weisheit seit Jahren bestreitet, denn der Verdienst der Artisten besteht einzig und allein aus den Einnahmen der Vorführungen. Zwar halten sich seit Jahren Gerüchte aufrecht, dass das Zirkusleben auch aus staatlichen Subventionen besteht, doch darüber kann Zirkus-Oberhaupt und Mutter der fünf Kinder, Judith Weisheit nur lächeln. Trotz knapper finanzieller Mittel ist der Zirkus Weisheit 365 Tage im Jahr unterwegs. "Das ist das Zirkusblut", erklärt Judith Weisheit, "ein anderes Leben käme für uns alle nicht in Frage. Meine Familie besteht seit Generationen aus Artisten und auch meine Kinder werden eines Tages diesen Weg eigenständig einschlagen." Trotz der Tatsache, dass dieses Leben für die Kinder auch Abstriche bedeutet, sind sich alle, was das weitere Leben angeht, einig. Es soll auch später "Manege frei" heißen. Einen richtigen Freundeskreis besitzt keines der Kinder, zu kurz sind die Verweildauern an den jeweiligen Standorten. Dafür wartet Tag für Tag ein Leben voller Abenteuer. Neue Schulen werden erkundet, neue Orte kennengelernt, neue Menschen getroffen und sollte einem dies alles für den Moment nicht zusagen, so haben alle Kinder eine Gewissheit – nur noch wenige Tage, dann geht es weiter.

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Ungewöhnlich ist der Zirkus Weisheit auch in einem weiteren Punkt, denn ein festes Winterlager wie bei vielen anderen Artisten gibt es nicht. "Wir bleiben dort, wo es uns gefällt und wo wir einen Stallplatz für unsere Tiere finden, zu Hause ist dort, wo unser Wohnwagen steht", erzählt Judith Weisheit. Dass dieser Freiheitsdrang womöglich wirklich am Zirkusblut liegt, lässt sich durch die lange Tradition des Zirkus Weisheit erklären. Bereits die Großeltern von Judith Weisheit bestritten ein Zirkusunternehmen. Elf der 17 Kinder blieben dem Zirkus auch weiterhin treu. Die Familie ist inzwischen weiter über Deutschland verzweigt - zu Ihnen gehören auch die berühmten Hochseil-Artisten Weisheit, die bereits mit dem Thüringer Verdienstorden ausgezeichnet worden sind.

Das Programm des Zirkus Weisheit besteht vornehmlich aus artistischen Nummern, hinzu kommen Clown-Einlagen und Tier-Dressuren. Wer den großen Nervenkitzel im Zirkus sucht, der wird enttäuscht werden. Wer jedoch ein ansprechendes kindergerechtes Programm für seine Sprösslinge erwartet, der kommt voll auf seine Kosten. Denn neben den Vorführungen der Artisten steht das Thema "Mitmachen" beim Zirkus Weisheit ganz groß auf dem Programm. Kein Wunder also, dass dieser kleine Zirkus großen Andrang seitens der kleinen Besucher findet.

Dennoch ist das Zirkusleben hart, nur selten ist das Zelt auch nur annähernd voll und auch das Futter für die Tiere muss oftmals schwerlich besorgt werden. "Früher, als die Zeiten noch besser waren, haben uns viele Bauern gerne mal einen Ballen Heu geschenkt, heute gibt es so etwas leider nicht mehr, " bedauert Judith Weisheit. Auch die Suche nach passenden Stellplätzen wird immer schwieriger. "Die Vorurteile gegen Zirkusleute werden immer größer, dabei ist unser oberstes Gebot, immer alles ordentlich und sauber zu hinterlassen." Trotz dieser Widrigkeiten, die dieses Leben mit sich bringt, sind die Weisheits glücklich, ihren Lebenstraum leben zu können. "Wir machen das ja freiwillig, keiner zwingt uns und wir könnten auch jeder Zeit einen anderen Beruf ergreifen," argumentiert Marvin Weisheit. Doch über einen anderen Beruf können nur alle Kinder lächelnd den Kopf schütteln, "wir wissen, wo wir hingehören!". Und so heißt es auch in den kommenden Wochen wieder "Manege frei".

Autor: Luisa Denz