Ein Leben auf Worte gebaut

Jürgen Verdofsky

Von Jürgen Verdofsky

Sa, 18. August 2018

Literatur & Vorträge

"Schattenreich": Neue Gedichte von Günter Kunert.

Alles Groteske ist bei Günter Kunert abgewandelte Schrecknis. Den Gedichtband "Aus meinem Schattenreich" tragen Halbtöne der Ironie. Das ist Kunerts Art auszudrücken, was er als origineller Melancholiker an der Welt missbilligt. Der Dichter weiß, wie die Dinge stehen. Ein ganzes Leben hat er – bei höchst ansehnlicher Urheberschaft – auf Worte gebaut. Aber die Worte wollen gefunden und neu aufgestellt sein, wie schon immer für jedes neue Gedicht. Wie heraus aus dem zur Gewohnheit Gewordenen? "Die Wörter / klammern sich an mich /…/ Magst du uns nicht mehr, / wo doch erst wir dir / Leben gaben? /…/ Dabei sind sie ja selber / unzuverlässig und verräterisch / als sei ich tatsächlich / von ihrer Art".

Gedichte aus den letzten beiden Jahren, nur wenige sind älter. Aber auch für den fast 90-jährigen Kunert heißt es weiter: Wie einfach, wie tragisch oder grotesk darf man schwierige Sachen betrachten? Es gilt immer wieder, den noch nicht gefassten Augenblick wahrzunehmen, mit Wörtern zu bannen, zu raffen, ihm eine Drehung zu geben. Reduktion und Destruktion, ja Dekonstruktion. Bis auch der Ton, der vorschwebt, seine nachhallende Schwingung hat. Auf den Punkt gebracht in unverhoffter Gestalt. Und mit dem nächsten Gedicht beginnt alles von vorn.

Dichten heißt mit

sich selber reden

Bei aller Melancholie, dieser höchst schwankenden Stufe der Unbestimmbarkeit, ist die Metapher keine Herausforderung. Sie ist für den Dichter wie das tägliche Brot, selbst dunkelste Sarkasmen sind wie Schwarzbrot. Kunert zeigt sich gern als deutlicher Überbringer, sei es um den Preis des skandalös Attraktiven: "Alraune. Scherbe, darauf / ein Reiter rücklings, das Gesicht / der Kruppe zugewandt. Da geht es / um die Sache, vom Maulwurf / ans Licht gebracht. Der / Metaphernhäusler. Wir kommen / nur selten ans Licht des Tages / wie die Wahrheit. Um die es / nie geht..." Aber auch in solch einem Methaperngestöber suchen die Verse, versteckt oder offen, einen letzten Sinn.

Vieles hat eine Vorgeschichte, verborgen unter den Tiefen der Herkunft. Das Gedicht "Zur Nacht" kommt in schattenhafter Abgeklärtheit aus dem Kanon Berlin und Brecht: "solch ein Gebild aus Menschenwahn, / das firmamentnah hochgeragt. / Als letzter geht der Wind hindurch, / wie es der Brecht vorausgesagt." Kunert hat alle Fortschrittsutopie fahren lassen. Aus dem Vorleben ruft er in einer Mischung aus Erinnerung und Parabel die Statisten der Ideologie auf. "Einstmals zogen Kolonnen / mit roten Fahnen durch / die Straßen, Fanfarenklänge, / Marschtritt…/ Hinter der nächsten Ecke jedoch / nahmen die Menschen / ihre wahre Gestalt an, rollten / die Fahnen zusammen und / trollten sich."

Kunert liebt inverse Vorführeffekte, sein "Schattenreich" ist voll davon. Stets im hohen Wechselton eines Skeptikers und Melancholikers. Aber dieser Dichter ist auch ein vom Leben entlasteter Schalk mit einem leicht entfesselbaren Gedächtnis, das sich gegen jede Extraktion und jede Bilanz sperrt. Gedichte schreiben ist für Günter Kunert vielleicht nichts anderes, als mit sich selbst zu reden, kunstvoll eingerichtet als "Metaphernhäusler".

Günter Kunert: Aus meinem Schattenreich. Gedichte. Herausgegeben von
Wolfram Benda. Carl Hanser Verlag,
München 2018. 118 Seiten, 18 Euro.