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29. Juli 2011
Ein Mann, der das Verbindende sucht
Der iranische Lyriker, Übersetzer und Wissenschaftler Ali Ghazanfari war Gast der "Stimmen".
LÖRRACH. Politisch ist das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Iran seit langem belastet, gibt es viele und massive Konflikte – vom Versuch des Iran, Zugriff auf Atomtechnologie zu erhalten über das Verhältnis von Religion und Staat, den Umgang mit Menschenrechten und Meinungsfreiheit bis zur Rolle des Iran im Nahost-Konflikt. Triftige Gründe, die iranische Gesellschaft darüber als Ganze zu stigmatisieren und auszugrenzen aus der Völkerfamilie, aber sind das für Ali Ghazanfari nicht. Im Gegenteil: Der 69-Jährige, den das Stimmenfestival nach Lörrach lockte, plädiert für den offenen Dialog. Auch Fromme können sachlich mit Rationalisten diskutieren, begründet er.
Der promovierte Naturwissenschaftler mit der Leidenschaft für Dichtung jedenfalls müht sich seit Jahren darum, Brücken zu bauen zwischen der Kulturnation Iran und westlichen Kulturen – vor allem aber Deutschland. Diese interkulturelle Verbindung sei für ihn überhaupt eine zentrale Antriebsfeder, erzählt der Iraner, der fließend Deutsch spricht und mehrere deutsche Gedichtbände veröffentlicht hat. Denn gerade zwischen der deutschen und der persischen Kultur gebe es seit vier Jahrhunderten "enge Beziehungen", betont er weiter. So habe er in einer neueren Arbeit unter anderen nachgewiesen, dass der Klassiker Friedrich Schiller Ende des 18. Jahrhunderts von alter persischer Dichtung beeinflusst war, und die Begeisterung Johann Wolfgang von Goethes für den persischen Dichter Hafis ist legendär. Wundert es da noch, dass Ali Ghazanfari beim Stimmen-Projekt "Stimmen, die wir sind", das gestern im Rosenfelspark aufgeführt wurde, eine wichtige Rolle als Vermittler spielt? In jedem Fall hat er einige Gedichte von Hafis und Rumi, die Ali Reza Ghorbani singt, ins Deutsche übertragen und umgekehrt einen Goethe-Text ins persische Farsi.
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Der Mann, der sich sowohl in den harten Wissenschaften wie den schönen Künsten bewegt, pendelt seit Jahrzehnten zwischen beiden Kulturen. Nach Deutschland kam er bereits in den 60er Jahren zum ersten Mal; von 1962 an studierte er hierzulande Mineralogie, unter anderem in Berlin; dort erlebte der 69-Jährige damals auch die Studentenunruhen samt dem skandalösen Schah-Besuch von 1967 und den tödlichen Schüssen eines Polizisten auf den Studenten Benno Ohnesorg, die die weitere Eskalation zumindest anheizten. 1974 ging er dann zurück in den Iran, aber auch im Beruf in der Wirtschaft pflegte er den Kontakt nach Deutschland weiter. Inzwischen ist er nicht nur Professor an der Universität in Teheran, sondern auch Gastprofessor der Uni Würzburg. Zudem hat er mittlerweile familiäre Bindungen nach Deutschland, denn hier lebt eine seiner Töchter.
Vor allem aber schreibt und dichtet Ali Ghazanfari in Deutsch. Er ist in beiden Sprachen zu Hause, erfährt, dass sich Farsi leichter reimen lässt als das für ihn in der Hinsicht mitunter sperrige Deutsch. Was im übrigen ein Grund sein könnte, für die Lyrik-Leidenschaft im Iran, wo fast jeder Mittelschichtshaushalt seinen Hafis im Regal aufbewahre, schildert Ghazanfari. Zwar macht es dieses Switchen zwischen den Kulturen mitunter schwerer, die richtigen Worte für Gefühle zu finden, aber es sensibilisiert auch für Befindlichkeiten. Dabei macht der Übersetzer und Dichter in Ghazanfari vor allem eine übergreifende Erfahrung: Menschen im Iran wie in Deutschland wollten den Austausch, die Begegnung. "Das Problem sind nicht die Individuen, das Problem ist die Politik", bilanziert er weiter. Denn diese setze ihre Mittel ein, "Völker zu trennen, statt zu verbinden" und das sagt er bewusst in alle Richtungen – gen Westen, aber auch gen Osten an die Adresse der eigenen Gesellschaft. Leider sei die Kultur dabei zwar allerorten meist nur eine "Gefangene der Politik", fährt er nachdenklich fort. Dennoch sei sie auch ein Mittel, diesen Teufelkreis aufzubrechen, ein Werkzeug, das anregen könne, Verantwortung zu übernehmen für die eigene Gesellschaft und Menschenrechte.
In Lörrach war Ali Ghazanfari nun zum ersten, aber wohl nicht zum letzten Mal. Die Stadt wirke auf ihn belebt, aber nicht hektisch, verströme den "wohltuenden Einfluss" von drei Kulturen – die pragmatische "Ruhe" der Schweiz, das "warme Entgegenkommen" der Franzosen und "deutsche Genauigkeit. Ich komme wieder", versichert er denn auch. Eine weitere Station, im Bemühen seiner Vision einer friedvolleren und freundlicheren und beglückenderen Welt ein bisschen näher zu kommen und dazu, davon ist er überzeugt, "kann Kultur mehr beitragen als Politik"– etwa mit Gedichten, "die kein Verfallsdatum haben".
Autor: Michael Baas


