"Ein modernes und gut durchdachtes Konzept"

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Do, 13. Dezember 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Der 2008 gegründete Verein Start widmet sich der ambulanten Wohnbegleitung von psychisch erkrankten Menschen.

MÜLLHEIM. Vor zehn Jahren fand sich eine kleine Gruppe von Mitarbeitenden aus verschiedenen sozialpsychiatrischen Diensten zusammen, um über neue Wege der Betreuung von Menschen nachzudenken, die an einer psychischen Erkrankung leiden, aber nicht mehr auf eine stationäre Behandlung angewiesen sind. "Ambulante Wohnbegleitung", nennt der 2008 gegründete Verein "Start" sein Programm. Im Müllheimer Bürgerhaus feierte der Verein sein zehnjähriges Bestehen.

Dass die Initiatoren mit ihrem ganzheitlich orientierten, auf gegenseitigen Respekt, Menschenwürde und einen Umgang auf Augenhöhe basierenden Konzept eine wichtige Tür in die Zukunft aufgestoßen haben, wurde bei der Feier deutlich. Eindrucksvoll war die Zahl der Gäste aus kooperierenden Vereinen und Organisationen, die zeigte, wie dicht vernetzt die Initiative Start in der Region ist.

Einer der wichtigsten Partner ist das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, das einen Teil der Klientenbeiträge über die Sozialleistung Eingliederungshilfe finanziert. Start ist Mitglied im Dachverband Gemeindepsychiatrie und im Spitzenverband "Der Paritätische". Thorsten Culmsee, Sozialdezernent des Landkreises, lobte den "Mut und die Courage", sich als neuer Anbieter sozialpsychiatrischer Dienstleistungen auf den Weg zu machen. Die wohnortnahe Betreuung sei wichtig, ebenso die Funktion als Sprachrohr für Menschen mit psychischer Behinderung. Pia Maria Federer von der Freiburger Geschäftsstelle des "Paritätischen" wies darauf hin, dass solche Menschen immer noch keine Lobby haben und dass Start ein "modernes und gut durchdachtes Konzept" vertrete.

Auch etliche der Betreuten, die der Verein "Klienten" nennt, waren gekommen. Etwa Saskia (26, Name von der Redaktion geändert), die gerade nach einer schweren Krise wieder Lebensmut gefasst hat. Nach einem Suizidversuch wurde sie ins Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen eingewiesen. Eine langjährige Beziehung war in die Brüche gegangen, der Job weg, die Wohnung nicht mehr zu halten. Viel Geld und Kraft habe sie in einen Neustart investiert, letztendlich vergeblich. Die Ursachen für den Zusammenbruch fand die behandelnde Psychologin in weit zurückliegenden Zeiten, im Verhältnis der Eltern untereinander und zu ihrer Tochter, die sich zunehmend als "materialisiert" fühlte, wenn beide Eltern versuchten, sie jeweils auf die eigene Seite zu ziehen. Nach dem halben Jahr in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrischen Klinik machte sie die Ärztin auf Start e.V. aufmerksam. "Das waren die ersten Stimmen, die gesagt haben, Sie haben zwar eine große Baustelle, aber uns schreckt das nicht", berichtet sie. Start vermittelte sie in eine Wohngemeinschaft. Saskia sagt: "Ein richtiges Zuhause ist so wichtig".

Nur so konnte es ihr gelingen, mit einer Umschulung für eine berufliche Zukunft wieder die Weichen zu stellen. Auch mit der Suche nach einer eigenen Wohnung scheint es zu klappen. Saskia fühlt sich bei Start gut aufgehoben, die wöchentlichen Gespräche mit ihrer Mentorin helfen ihr.

Und eine ganz unerwartete Hilfe erlebte sie durch einen Vorschlag, den ihr Start aufgrund der guten Vernetzung in der Region machen konnte: Der Stammtisch "Pen and Paper" in Freiburg, bei dem sich die unterschiedlichsten Menschen zu kreativen und fantasievollen Rollenspielen treffen, war für sie genau das Richtige. Viele neue Bekanntschaften sind dadurch entstanden und sogar eine neue Beziehung. "Ich bin da hingegangen mit der Einstellung, was habe ich schon zu verlieren", berichtet sie von ihren Erfahrungen bei Pen and Paper. "Doch dort war ich als Mensch relevant und wurde ermutigt, auch mit dem Unperfekten klar zu kommen". Sogar mit ihrer Familie hat sie nun wieder Kontakt.

Der offene Dialog gehört zum Konzept von Start e.V.

Der Fachvortrag des Wissenschaftlers und Mitarbeiter im Institut für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald, Volkmar Aderhold, hatte eindrucksvoll darauf hingewiesen, wie hauchdünn die Linie zwischen "psychisch krank" und "gesund" ist. Aderhold stellte den in Finnland konzipierten "Offenen Dialog" vor, mit dem Betroffene, ihr persönliches Umfeld und fachliche Begleitung sich auf Augenhöhe austauschen, auch wenn die Meinungen differieren.

Der "Offene Dialog" ist auch ein Element der Arbeit von Start e.V., so Verena Willberg, Stellvertreterin des Geschäftsführers Manfred Sandkühler. Auch bei Start gelte die flache Hierarchie. Zum Team gehören fünf Mitarbeitende und Therapiehund "Oblak". Betreut werden derzeit 40 Menschen. Inzwischen gibt es neben dem Müllheimer Büro auch eines in Breisach. Wie groß der Bedarf an einer dezentralen, wohnortnahen Betreuung von psychisch erkrankten Menschen ist, zeige die Warteliste. Doch für Hilfesuchende ist immer auch das Telefon da, betont Willberg.

Kontakt: http://www.ambulante-wohnbegleitung.de oder telefonisch Tel. 07631/9359415 oder Tel. 015122824306