Ein Mörder aus der Mitte der Gesellschaft?

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 22. April 2013

Theater

Nationalistische und rassistische Rede: Der Schweizer Regisseur Milo Rau präsentiert bei den Basler Dokumentartagen "Breiviks Erklärung".

Am 17. April 2012 hatte der Massenmörder Anders Bering Breivik in einem Osloer Gericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Chance, eine Rede zu halten. Sie dauerte mehr als eine Stunde und fand sich als das antimultikulturelle, antiislamische Manifest eines um die Reinheit des eigenen Blutes fürchtenden Nationalisten bald auf rechtsextremen Websites wieder. Im Gerichtssaal wurde damals mehrfach gelacht – vermutlich weil die Angehörigen der 77 Opfer nicht bereit waren, Breiviks unerträglich selbstgerechte Selbstinszenierung als ohnmächtige Stimme des Volkes, als mundtot gemachtes Opfer (!) "kulturmarxistischer" Indoktrination, das in einem Akt von Notwehr habe handeln müssen, ernst zu nehmen.

In Basel, wo bei den von der Kaserne veranstalteten Basler Dokumentartagen im ausverkauften Gare du Nord Milo Raus "Reenactment" der Rede mit der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan in einem fingierten "Öffentlichen Filmdreh" mit Projektion auf eine Leinwand zu erleben war, wurde nicht gelacht. Die aus der Angst vor dem eigenen Verschwinden als "indigener" Norweger gespeiste, unerträglich redundante Abrechnung mit einem liberalen und toleranten Europa, das sich seinen Migrantenströmen willenlos ausliefere und tatenlos zusehe, wie islamische Kräfte das angestammte Territorium infiltrierten, stieß auf die Betroffenheit, die der Schweizer Dokumentar-Theatermacher ("Hate Radio", "Die Moskauer Prozesse" über das Verfahren gegen Pussy Riot) hervorrufen will: Breivik, so die beabsichtigte Erkenntnis, ist einer wenn nicht von uns (aufgeklärten Theaterbesuchern), so doch aus der Mitte der nach rechts driftenden europäischen Gesellschaften: in der Schweiz mit den von der SVP initiierten Volksentscheiden (gegen Minarette, für die "Ausschaffung" straffällig gewordener Ausländer), in Österreich mit den Wahlerfolgen der FPÖ, in Deutschland mit den Bestsellern Thilo von Sarrazins. Diese Rede, so Rau in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch mit seinem Mitstreiter Rolf Bossart vom International Institute of Political Murder, sei "common sense", Breivik in seinen Äußerungen sogar weniger extrem als der durchschnittliche Rechtsnationalist.

Das lässt sich nachvollziehen. Sascha Ö. Soydan bringt an einem Rednerpult vor einer improvisierten Holzlamellenwand (weniger Inszenierung geht nicht) mit unbewegter Miene das Kunststück fertig, den kruden, paranoiden, aber durchaus rational und mit Zahlen argumentierenden Text so vorzutragen, dass die Distanz zu ihm zwar spürbar bleibt, aber nicht so groß wird, um in Ironie umzukippen: Den Kaugummi, diese kleine Geste der Respektlosigkeit, nimmt die Schauspielerin irgendwann aus dem Mund; die beredten Pausen an besonders gruseligen Stellen führen nicht zum Stocken des Redeflusses. Diese Balance zwischen Befremdung und Empathieangebot ist sehr fein austariert.

Sascha Ö. Soydan, die zwingend kontrafaktische Besetzung der Rednerposition, zeigte sich in der folgenden fast zweistündigen Diskussion logischerweise davon überzeugt, als Stimmenimitatorin eine aufklärerische Mission zu verfolgen: Wenn Breiviks phobische Reinheits- und Abgrenzungsgedanken im großen grauen Schatten der, hier gibt Rau dem Attentäter recht, "linksliberalen Meinungshegemonie" Allgemeingut zu werden drohen – oder es sogar schon sind –, dann ist der "herrschende Humanismus" tatsächlich "gefährdet, brüchig und letztlich arbiträr".

Doch kann es gelingen, eine Rede, in der unter anderem auch der NSU gelobt wird, von ihrem Urheber abzutrennen? Ist Breivik als Person tatsächlich, wie es der Regisseur voraussetzt, total uninteressant? Kann man diesen Text behandeln, ohne an die Tat zu denken, derer sich Breivik in widerlicher Weise als des spektakulärsten Attentats auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg brüstet? Von Breiviks Erklärung, die in der Verblendung des Angeklagten vor Gericht dazu dienen soll, sein Massaker unter Jugendlichen auf der Insel Utoya als Opfer für die Rettung eines Wikinger-Norwegens zu rechtfertigen – für das er als Vorbild tatsächlich den Indianerhäuptling Sitting Bull bemüht –, führt letztlich kein Weg zu seinen wahnsinnigen Taten. Deshalb war sie für die Opferangehörigen lächerlich.

Nicht die Rhetorik, die Maschinengewehrsalven haben aus einem anonymen Rechtsradikalen, der 1500 Seiten Weltanschauungsprosa im Netz hinterlassen hat, jenen Anders Bering Breivik gemacht, der noch im Gefängnis seinen Triumph der Auslöschung von 77 Menschen genießt. So bleibt der Eindruck von Milo Raus theatraler Performance zwiespältig. Und die Entscheidung des Weimarer Theaters wie auch der Basler Bürgerschaft, ihre Räume dafür nicht zur Verfügung zu stellen, muss man differenziert betrachten: Neben der womöglich kleinmütigen Angst, nicht in die Nähe zu einer solchen Gesinnung gebracht zu werden, mag auch dieses Argument ziehen: dem Massenmörder keine Bühne.