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16. Juni 2012

Ein Stein im Reform-Mosaik

Das Hausarztprogramm der AOK zeigt, wie nötig ein Wettbewerb um neue Versorgungsformen ist .

Der Mann ist ein Machertyp par excellence. Gegen größte Widerstände hat AOK-Chef Christopher Hermann das Hausarztmodell seiner Kasse vorangebracht. Und auch wenn dessen Bewertung erst ganz am Anfang steht, ist eines schon sicher: Die Südwest-AOK bringt die Suche nach einer besseren Versorgung von Kranken voran.

Wie wichtig dieses Anliegen ist, liegt auf der Hand. Im Zuge des demografischen Wandels steigt die Zahl der älteren Patienten, von denen viele chronisch krank sind oder an mehreren Krankheiten leiden. Viele von ihnen sind darauf angewiesen, sich an einen Hausarzt ihres Vertrauens wenden zu können. Doch eben das wird in vielen Regionen Deutschlands immer schwieriger, weil es für junge Mediziner nicht reizvoll ist, sich auf dem Land niederzulassen. Natürlich ist das AOK-Modell nicht der Königsweg aus diesem Dilemma. Es kann ja, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht dafür sorgen, dass ein junger Arzt vor Ort eine gute Betreuung für seine Kinder findet. Aber ein Stein im Mosaik der nötigen Veränderungen ist das AOK-Konzept allemal.

Dass die Kasse selbst es in höchsten Tönen lobt, ist nicht überraschend. Klappern gehört nun mal zum Handwerk. Nur muss man wissen, dass die am Freitag vorgelegte Studie über das Programm viele Fragen offen lässt. Zu der Frage zum Beispiel, wie stark sich Einweisungen in ein Krankenhaus durch das Modell verringern lassen, macht die Studie nur ungenaue Angaben.

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Was nicht ist, kann aber noch werden. Das Programm läuft seit knapp vier Jahren, und früher oder später werden genauere Ergebnisse vorliegen. Aber immerhin hat die AOK etwas eingeführt, was sich überhaupt bewerten lässt. Andere Kassen – und dieser Zustand ist fraglos grotesk – verwalten die Milliardenüberschüsse, die die Krankenversicherung derzeit hat, ohne davon wenigstens einen Teil in die Erprobung zu stecken – in die Erprobung von Konzepten, die Antwort auf die alles entscheidende Frage geben können: Wie muss ein Gesundheitswesen beschaffen sein, das auf Dauer eine möglichst gute Versorgung vieler Älterer mit medizinischen und pflegerischen Leistungen sichert?

Seltsam ist nur, dass Christopher Hermann dabei auf den Staat setzt. Der soll, so der AOK-Chef, alle Kassen zu Hausarztprogrammen verpflichten. Doch ist nichts gewonnen, wenn alle 140 Kassen auf der gleichen Baustelle tätig werden. Auch lassen sich Innovationsfreude und Mut nicht verordnen. Das muss von den Kassenmanagern und den Organisationen der Ärzte und Pflegeberufe selbst kommen. Die Versicherten jedenfalls scheuen den Wettbewerb der Ideen keineswegs. Niemand hat 1,1 Millionen Baden-Württemberger gezwungen, sich ins Hausarztprogramm der AOK einzuschreiben. Vielmehr haben sie offensichtlich den Eindruck gewonnen, dass es für sie die bessere Form der Versorgung ist.

Autor: Bernhard Walker


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