Ein Versprechen als Antrieb

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Von ers

Mi, 03. Januar 2018

Titisee-Neustadt

Karl-Anton Weisser hat 65 Jahre im Münsterchor gesungen – jetzt hat er im Festtagsgottesdienst Abschied vom Ensemble genommen.

TITISEE-NEUSTADT (ers). 65 Jahre war Karl-Anton Weisser Sänger im Münsterchor. Jetzt hat er Abschied vom Ensemble genommen. Mehr als sechs Jahrzehnte Mitglied des Münsterchors – das bedeutet tausende Stunden an Proben, an Auftritten, ein fast unübersehbares Repertoire an Chormessen und Liedern, viele Mitsänger, vier Dirigenten und vor allem ein Quell an Chorgeschichte und -geschichten.

Der Abschied vom Münsterchor im Festgottesdienst am Ersten Weihnachtsfeiertag fiel dem 84-Jährigen sichtbar schwer. Pfarrer Johannes Hermann und die Vorsitzende des Chores, Hedwig Tritschler, würdigten ihn mit vielen lobenden Worten.

Weisser, der im Chor eine tragende Stimme im Bass war, ist dem Ensemble eigentlich schon viel länger als 65 Jahre verbunden. Denn – so erinnert er sich gerne – schon als kleiner Bub begleitete er die Eltern in die Chorprobe und durfte neben der Mutter sitzend dabei sein, wenn der Chor probte oder auftrat. Beide Eltern waren selbst jahrzehntelang Sänger im Münsterchor, wie zuvor auch bereits ein Großvater und eine Großmutter im Chor aktiv waren.

Seinen Eintritt ins Ensemble im Jahr 1952 verbindet Weisser mit einem traurigen Stück Familiengeschichte. Sein zehn Jahre ältere Bruder Matthäus Josef hatte der Mutter zugesagt, nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg in den Münsterchor einzutreten. Doch er konnte dieses Versprechen nicht einlösen. Am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1943 fiel er – nur wenige Tage, nachdem er aus dem Heimaturlaub in Neustadt zurück in den Dienst gekommen war. Karl-Anton Weisser sah im Versprechen seines Bruders den Antrieb, selbst in den Chor einzutreten – und er erfüllte diese Zusage mit 19 Jahren.

Vieles war damals anders. So erinnert sich Weisser, dass zu den Zeiten seiner Eltern der Chor jeden Sonntag, zu seiner aktiven Zeit noch 14-täglich im stets in lateinischer Sprache zelebrierten Hochamt eine Messe zu singen hatte. Das ist heute nur an den hohen Feiertagen und am Patrozinium üblich. Zudem hatten einst die Frauen des Chores im sogenannten Seelenamt bei Trauerfällen die musikalische Umrahmung übernommen und dafür ein kleines Entgelt erhalten, was in den wirtschaftlich schweren Jahren eine willkommene Aufbesserung für den Geldbeutel war.

Auch übernahm der Münsterchor früher weltliche Auftritte wie Kurkonzerte auf dem Schurthplatz unter der Leitung des damaligen Stadtmusikdirektors und Chorleiters Franz-Josef Meybrunn. Neben den offiziellen Auftritten unternahmen nach Weissers Erinnerung gerade die damals zahlreichen jungen Sänger gerne gemeinsame Ausflüge in die Täler und waren dort immer gerne gesehen in den Wirtschaften, da sie mit ihrem Gesang die Gäste unterhielten und sich dafür der Verköstigung durch die Wirtsleute erfreuen durften. Folgende Anekdote weiß Karl-Anton Weisser zu erzählen: An einem Karfreitag landete die Sängerschar im Unteren Wirtshaus, die Wirtin erbat sich ein paar Lieder, die Sänger etwas zu essen. Geboten wurden Spiegeleier, die jungen Leute aber wollte Spiegeleier mit Speck. Das wurde mit Verweis auf Karfreitag abgelehnt. Daraufhin gab es einen Sängerstreik – und schließlich doch Speck zu den Eiern.

Bei vielen Chorausflügen waren die Familien der Sänger mit dabei – bei Karl-Anton Weisser Ehefrau Ursula und die beiden Kinder Marc und Christiane. Angesprochen darauf, ob Ursula Weisser selbst nicht auch Sängerin im Münsterchor werden wollte, gibt es ein klares Nein. An der Liebe zur Musik fehlte es nicht, doch ist sie evangelisch und eine Mitgliedschaft im katholischen Münsterchor war damit vor einigen Jahrzehnten nicht denkbar – auch das ein spürbarer Unterschied zu heute. Aber es wäre ohnehin schwer gewesen, denn da Ehemann und Schwiegereltern ja bereits im Chor waren, blieb schon wegen der Kinderbetreuung wenig Raum, sich selbst zu engagieren. Ursula Weisser unterstützte daher als Zuhörerin die Aktivitäten, die sich bald auch auf die Kinder und Enkel erstreckten, die fast ausnahmslos in Münsterchor, Stadtmusik, Sinfonischem Orchester, Junger Kantorei und weiteren Ensembles aktiv sind oder waren.

Auch Karl-Anton Weisser selbst beschränkte sich nicht allein auf den Münsterchor. Er blickt auch auf über 50 Jahre Mitgliedschaft im Männerchor Hochfirst zurück und ist ein oft gesehener Zuhörer bei vielen Konzerten.

Vier Dirigenten hat Karl-Anton Weisser mit Franz-Josef Meybrunn, Kurt Stumpe, Johannes Götz und aktuell Clemens Staiger erlebt, die alle ihre Besonderheiten und musikalisch verschiedenen Schwerpunkte hatten – mit allen kam er zurecht. Sehr gefreut hat Weisser, dass Clemens Staiger ihm einen Wunsch erfüllte und er an Weihnachten noch einmal neben der Pastoralmesse von Kempter das "Transeamus usque Bethlehem" singen und gemeinsam mit Wolfgang Adam das darin enthaltene Basssolo übernehmen durfte. Mit diesem Stück verbindet er zahlreiche Chorerinnerungen.

"Man muss gehen, wenn man das selbst noch kann und entscheidet", hatte Karl-Anton Weisser schon im Vorfeld gesagt und mit dem Weihnachtsgottesdienst nunmehr einen überaus würdigen und schön gestalteten Abschied seiner Sängerlaufbahn gefunden.