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19. Juli 2011

Eine Band auf der Suche nach sich selbst

Die jüngste Inkarnation der britischen Band Razorlight hat sich beim Freiburger ZMF präsentiert. Ein Konzert zwischen großem Fremdeln auf der Bühne und Begeisterung über die vielen Hits im überschaubar bevölkerten Zirkuszelt.

  1. Johnny Borrell Foto: grabherr

Es ist ein Bild mit Symbolcharakter. Razorlight stehen auf der Bühne des Zirkuszelts. Im Mittelpunkt: Johnny Borrell. Gründer, Sänger, Songwriter und Band-Diktator. Direkt hinter ihm: Schlagzeuger David Sullivan Kaplan. Erst seit 2009 offiziell dabei, ist er zwei Jahre später schon der Dienstälteste in Borrells Schleudersitztruppe. Die Gründungsmitglieder Bjorn Agren und Carl Dalemo sind vor kurzem gegangen (worden?). An den Rändern der Bühne stehen ihre Nachfolger. Links Gitarrist Gus Robertson. Rechts Bassist Freddie Stitz. Zwei Alte, zwei Neue: Zusammen sind sie Razorlight – eine Band aber noch lange nicht.

Wie es sich anhört, wenn vier Musiker eine Einheit sind, haben zuvor The Blue Van gezeigt. Von Glam bis Guns n’ Roses bedienen sie sich bei allem, was Poser lieben. Das ist nicht originell, aber unterhaltsam – und: Es rockt. Weil die Musiker eingespielt sind und sich blind verstehen.

Bei Razorlight ist das an diesem Abend vor geschätzt 800 Zuhörern anders. Was nicht verwundert, das Konzert trotzdem zu einem zwiespältigen Erlebnis macht. Zwar hat sich Borrell bei seiner Solotour vergangenen Herbst schon von Kaplan, Robertson und Sitz begleiten lassen. Das Fremdeln ist aber auch Monate später in Freiburg noch mit den Händen zu greifen. Die Neuen wirken verunsichert. Tasten sich durch das Greatest-Hits-Programm, das fast alle Singles und Publikumsfavoriten präsentiert und ihnen doch keine Sicherheit gibt. Borrell ist ausgewiesener Eklektiker. Hat von spartanischem Wave über polierten Pop bis Stadion-Pathos alles durch, Ohrwürmer geschrieben, aber auch nach acht Jahren Razorlight noch keine klare stilistische Linie gefunden.

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Dass Borrell nicht gerade gutgelaunt ist, hilft auch nicht weiter. Ob es an dem verpassten Soundcheck liegt? Der Flieger der Band war pünktlich, seiner nicht. Oder weil Borrell weiß, wo seine Band gerade steht? Jedenfalls schmeißt er gleich beim ersten Song "In the Morning" seine Gibson angewidert auf den Boden. Später herrscht er den Roadie an, weil kein Wasser bereits steht.

Eine Dreiviertelstunde geht das so. Dann stürzt sich die Band in eine ausgedehnte Version von "In the City", und die Dinge wenden sich zum Besseren. Borrell hat die Gitarre zur Seite gestellt, wirft sich in den Song, der an "Gloria" von Them angelehnt ist. Das hat Seele – und kommt auch den Neuen entgegen, die bisher eher Rock gemacht haben. Stitz, vom breitkrempigen Hut bis zur Fransenjacke ein Stenz, der jeder Southern Rock Band der 70er Ehre gemacht hätte, stampft mit den Absätzen einen Beat, Robertson behält Borrell im Auge – jetzt spielen die vier mit- statt nebeneinander.

Mit neuem Selbstvertrauen geht die Band die zweite Hälfte des eineinhalbstündigen Auftritts an. Zwei Dutzend Lieder spielen Razorlight in Freiburg, darunter auch zwei neue Titel: "If it Bleeds" ist eher eine Skizze mit überraschendem, zweistimmigem Gesang. "Vertical Women" klingt wie klassischer US-Rock der späten 60er, frühen 70er – zu wenig, um zu spekulieren, wohin die neuen Razorlight musikalisch wollen. Am Ende lässt der Abend zwei Thesen zu. Entweder bekommen die neuen Razorlight die Kurve und legen ein starkes viertes Album hin – oder lösen sich auf. Das Kehraus-Konzert am letzten Abend des 29. ZMF lieferte Argumente für beide Theorien.

Autor: Peter Disch