Eine Farbe mit Signalwirkung

Christoph Arens

Von Christoph Arens (KNA)

Do, 17. Mai 2018

Panorama

An Pfingsten tragen Priester rote Gewänder – doch auch im Sport, in der Liebe und der Arbeiterbewegung ist die Farbe von Bedeutung.

BONN. Die Farbe Rot steht für Liebe, Lust und Leidenschaft. Sie hat einen hohen Symbolwert für die Arbeiterbewegung, die sich die Farbe auf ihre Fahnen geschrieben hat. Aber auch für die Kirche – weswegen katholische Priester an Pfingsten rote Gewänder tragen. Eine kleine Geschichte über eine Farbe, auf die das menschliche Auge sehr empfindlich reagiert.

Die Farbe Rot ist untrennbar mit Stärke und Energie, aber auch mit Zorn und Wut verbunden. Rot bedeutet Wärme. Rote Lippen verweisen auf Lust und Leidenschaft. Aber so mancher sieht auch rot, wenn er an der Ampel warten muss. Fußballer bekommen die Rote Karte, und bedrohte Tierarten werden seit 1971 auf einer Roten Liste verzeichnet. Wer Schulden hat, rutscht in die roten Zahlen, und wer die Orientierung verliert, hat auch den roten Faden verloren.

Rot ist eine Signalfarbe: Während die meisten Säugetiere Probleme haben, die Farbe wahrzunehmen, reagiert das menschliche Auge sehr empfindlich darauf – auch wenn schätzungsweise jeder Zehnte aufgrund einer Rot-Grün-Schwäche das Rot nicht von anderen Farben unterscheiden kann. Mit der Farbe assoziieren viele Menschen Gefahr: Feuerwehr und Notärzte nutzen diesen Mechanismus. Genau wie viele Staaten: 77 Prozent der 193 UN-Mitgliedsstaaten haben die Farbe Rot in ihrer Nationalflagge, wie die Wochenzeitung Die Zeit herausfand.

Auch die psychologische Wirkung von Rot ist vielfach untersucht. Blut galt lange als Sitz der Seele und der Lebenskraft, und Rot, als Essenz des Blutes, sollte diese Kraft auf seinen Träger übertragen. In der Steinzeit etwa verwendeten die Menschen rote Farbe für Tierdarstellungen, um Kraft und Stärke für die Jagd zu beschwören. Und noch heute wirken rot geschminkte Lippen auf Männer anziehend, wie Psychologen bei Feldversuchen in französischen Bars herausgefunden haben. So gaben männliche Gäste mehr Trinkgeld, wenn eine weibliche Bedienung geschminkt war.

Rot ist eine selbstbewusste Farbe und signalisiert auch Aggressivität: Bei Ärger rötet sich die Haut, während sie bei Angst blass wird. Je aggressiver sich also ein Wettkämpfer in einem Zweikampf gibt, desto röter ist seine Gesichtshaut. Rot ist deshalb auch eine bevorzugte Farbe bei den Trikots von Fußballvereinen.

In der Arbeiterbewegung, aber auch in der katholischen Kirche und der christlichen Kunst steht Rot für Blut und Feuer: für das Blut der Märtyrer und das von Jesus vergossene. Und für das Feuer und die Kraft des Heiligen Geistes. Deshalb ist Rot auch die heilige Farbe von Pfingsten.

"Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist..." So beschreibt die Apostelgeschichte das Kommen des Heiligen Geistes am Pfingstfest. Die "Zungen, zerteilt und wie von Feuer" werden selbstverständlich in Rot dargestellt. Auch an Festen von Märtyrern tragen katholische Priester in Gottesdiensten rote Gewänder.

Rote Fahnen sollen auch in der Arbeiterbewegung Dynamik und Energie sowie das von Arbeitern vergossene Blut symbolisieren. "Rot ist das Tuch, das wir entrollen, klebt doch des Volkes Blut daran", heißt es denn auch in einem polnischen Arbeiterlied von 1881. Erstmals 1830 hissten Arbeiter einer Aachener Tuchfabrik die rote Flagge gegen Lohnabzüge und für bessere wirtschaftliche Bedingungen. Unter einer roten Fahne versammelten sich 1844 die Arbeiter beim Schlesischen Weberaufstand. Zum weithin bekannten Symbol für die Revolution wurde die rote Fahne in den Jahren 1848/49. Ab den 1860er Jahren wurde das Rot zur Farbe der Sozialdemokratie, aber auch der in den folgenden Jahrzehnten aufkommenden sozialistischen und kommunistischen Bewegungen.

Ausgerechnet in der Finanzwelt steht rot hingegen für Verluste. Als geistiger Vater der roten Zahlen gilt der um 1445 in der Toskana geborene Franziskanermönch Luca Pacioli. Er hielt die Grundzüge der so genannten doppelten Buchführung erstmals in schriftlicher Form fest. Um bei all den Zahlen und Geschäften dennoch den Überblick zu behalten, ersannen die italienischen Kaufleute, die Paciolis neue Methode übernahmen, eine so einfache wie geniale Methode: Sie schrieben die Zahlen, die auf der Habenseite verbucht wurden, in schwarzer Tinte, während Soll-Ziffern in Rot geschrieben wurden.