Eine Heldin des Widerstands

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Sa, 04. August 2018

Rock & Pop

Ein großer Moment in der Geschichte des Stimmenfestivals: die New Yorker Sängerin Indra Rios-Moore in Riehen.

"Ich werde König sein und du Königin – auch wenn nichts sie vertreiben wird, für einen Tag können wir sie schlagen", heißt es in David Bowies "Heroes". Als Indra Rios-Moore es am Ende ihres Konzerts beim Stimmenfestival in der Reithalle des Riehener Wenkenparks anstimmt, weiß das ergriffene Publikum bereits, dass da eine solche Heldin vor ihnen auf der Bühne steht. Und wird Zeuge der kompletten Verwandlung eines Songs: von einem Kultlied der Jugend zu einer zeitlosen Hymne des Widerstands, voller Strahlkraft und Löwenherz.

"Ich werde der Kaltblütigkeit und dem Klima der Furcht in Amerika Widerstand leisten durch Liebe. Das ist mein Protest", sagt Indra Rios-Moore im Interview. Und sie hat mit "Carry My Heart" in diesem Geiste ein Album veröffentlicht, das die "quiet strength" der afro-amerikanischen Spiritualität an die Stelle der "angry white men" setzt. Nicht in schwarzer Kleidung der Jazzsängerinnen tritt sie auf, ganz in Weiß singt die New Yorkerin, und genauso überwindet auch ihre Stimme die Genres. Ihr klares helles Timbre scheint oft Meilen über der Band zu stehen, hat die souveräne Phrasierung aus dem Jazz, das sehnende Ziehen der Töne aus dem Soul – und plötzlich funkeln da auch brillante Spitzentöne mit grandiosem Vibrato: Erbe ihrer klassischen Ausbildung. Immer wieder zeigt sie gen Himmel, rundet die Verse mit beiden Händen, strahlt meist übers ganze Gesicht: Ihre Spiritualität ist geradezu körperlich.

Für ihre "ruhige Kraft" hat die Tochter einer Puertoricanerin und eines Amerikaners das ideale Begleittrio gefunden, ein einfühlsam-nordisches: Knut Finsrud malt förmlich an den Drums, mit geschlossenen Augen und offenem Mund, spielt oft mit Besen oder der bloßen Hand, auch mit leeren Wasserflaschen, hängt die Felle mal mit Tüchern ab. Basskollege Thomas Sejthen ist ein kontemplativer Handwerker, der swingende Ostinati und trockene Soli liefert. Und mit Ehemann Benjamin Trærup verbindet Rios-Moore auch auf der Bühne viel: Sein erzählend-melodischer Atem, sein schmauchend-sinnliches Spiel geht oft in enge Zwiegespräche mit den Vocals. Da wird das Tenorsaxophon auch mal zum zweiten Sänger, etwa in der Eigenkomposition "Give It Your Best", das Rios-Moore zur Ermutigung gegen Depressionen geschrieben hat.

Die Mutmacher, sie sind das Kernstück ihres Repertoires: Steely Dans "Any Major Dude" münzt sie zum Trotz nach dem letzten Wahltag um: Das Monster im Text ist nicht Trump, die Krankheit steckt in jedem von uns. Curtis Mayfields "Keep On Pushing" verströmt im federleicht tänzelnden Dreiertakt die Gewissheit, dass alle Hindernisse allein durch eine stolze Geisteshaltung überwunden werden können. Und dann ist da "Carry My Heart", eine Widmung an flüchtende Mütter, die ihre Kinder über viele Landesgrenzen hinweg tragen: Die Band hält sich hier ganz zurück, um den sehnsuchtsvollen Blue Notes der Stimme maximale Entfaltung zu geben. Doch Indra Rios-Moore ist keine neue Joan Baez oder Tracy Chapman, entgrenzt das Image der Protest-Ikone: Sie glänzt ebenso mit feinmechanischem Swing im Jazzstandard "Like Someone In Love", verwandelt sich in "Love Walked In" von George Gershwin in ein Kornett mit Patina, und sie knüpft an den Gospel des "Little Black Train" lautmalerische Zuggeräusche. Die romantische Ader ihres Lieblingssängers Johnny Hartman verschmilzt sie gar mit einem unwiderstehlichen Latin-Touch.

Einmal noch geht es aus dem freudevollen Strahlen tief in den Schmerz: Das Spiritual "Trouble" gestalten die vier Musiker mit Liegetönen im Bass zu einem erschütternden Mantra der gequälten Sklaven aus, und hier bäumt sich das Sax einmal zu einem Schrei auf. Riehen erlebte einen großen, seelenvollen Moment nicht nur bei "Stimmen" 2018, sondern in der ganzen 25-jährigen Geschichte des Festivals.