17. November 2009 23:41 Uhr

Demo und Uni-Besetzung

Eine Love-Parade für die Bildung

Stell dir vor: Es ist Protesttag und alle sind einer Meinung. 5000 junge Menschen demonstrieren in Freiburg, Studenten besetzen das Audimax der Universität – und die Unileitung hat volles Verständnis.

Protest und gute Laune: Studenten und Schüler demonstrieren. | Foto: Ingo Schneider
Auch leerer Bauch studiert nicht gern. Deshalb strebt Hendrik Kuhr mit mehreren Kommilitonen Richtung Mensa. Sie sind alle im ersten Semester. Dass gestreikt wird, hat er mitbekommen. Doch Hendrik sagt in die Runde: "Ich streike nicht, ich bin Jurist." Die anderen lachen. Ihm ist es ernst. Er kann begründen, warum er nicht an den Aktionen teilnimmt. "Ich bin für Studiengebühren und bei den Rechtswissenschaften haben wir immer noch das Staatsexamen. Damit bin ich vollkommen zufrieden."

Vielen seiner Freiburger Mitstudenten geht es offenbar nicht so. Sie lassen am Dienstag – wie in vielen anderen Universitätsstädten Europas – ihre Vorlesungen sausen und ziehen durch die Innenstadt, mit Transparenten und Parolen. 5000 werden gezählt. Man solidarisiert sich mit den Studenten in Wien, wo der Protest in diesem Herbst seinen Ausgang nahm und die Studenten schon seit Wochen das Audimax besetzt halten.

"Freie Bildung für alle!", tönt es. "Bildungsplan im ganzen Land, unsere Antwort: Widerstand", steht auf Transparenten oder "Beeil Dich, schluck, sei ruhig, keine Zeit, denk nicht zu viel." Daneben sieht man das Bild eines Kopfes, in den Bildung hineingetrichtert wird. Das richtet sich gegen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge.

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Auch Hendrik hat von den Problemen gehört: "Bachelor wollte ich auch nicht machen. Die Studiengänge wurden zu schnell und überstürzt eingeführt und sind nicht ausgereift." Aber wozu streiken, wenn man selbst nicht betroffen ist? Lena und Jule dagegen "finden es gut, Zeichen zu setzen". Ihnen sind die Gebühren zu hoch. 600 Euro seien zu viel, 300 Euro wären o.k., so die zwei Juristinnen.

Dreihundert Meter weiter, im Hauptquartier der Bewegung. Im Karton liegen Trillerpfeifen. Daneben eine Schachtel mit Flyern und Klebeband. Das martialische Arsenal an dem Ort, an dem die Freiburger Studentenvertretung u-asta ihren Sitz hat, in der Belfortstraße 24, spricht Bände über den Streiktag. Protest? Ja, aber geordnet und friedlich.

"IST BILDUNG NICHT EIN MENSCHENRECHT?"

Schon im Sommer haben die Studenten der Universität Freiburg gegen Studiengebühren und verschulte Bachelor- und Masterstudiengänge demonstriert. Maggie Jaglo vom u-asta aber findet, seither habe sich nicht viel getan. "Von der Politik kam gar nichts außer Lippenbekenntnissen." Auch vom Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung ist Maggie enttäuscht. "Bildung ist ein Bürgerrecht", steht darin. "Doch ist Bildung", fragt Maggie, "nicht ein Menschenrecht?"

Die Bildungsdemo in der Fußgängerzone. Foto: Dominic Rock



Es ist diese soziale Note, die Studenten und Schüler mit Gewerkschaftern, Grünen, Linken und Jusos verbindet. Sogar mancher Lehrer und Hochschullehrer zeigt sich solidarisch. Einer der Hauptredner in Freiburg ist ein Professor, Günter Rausch von der Evangelischen Fachhochschule. Nur ungern lässt er sich als Veteran der 68er-Bewegung bezeichnen. "Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom", ruft er den Demonstranten zu und erntet Applaus.

Kristofer, Tobias und Bastian überlegen noch, ob sie mitstreiken sollen. Kristofer studiert Politik und Englisch, Tobias Physik, Bastian Geschichte. Sie sind im siebten Semester. "Um was geht es denn?", will Bastian wissen. Kristofer und Tobias helfen aus: Demokratisierung der Hochschulen, Verwendung der Studiengebühren. Und: "Der Uni fehlt Geld". Das liege, doziert Kristofer, an der Geschwisterregelung. Seit dem 1. März zahlen Studenten mit mindestens zwei Geschwistern keine Studiengebühren mehr, egal ob die Geschwister studieren oder nicht. Damit hat die Landesregierung kinderreichen Familien etwas Gutes tun wollen, aber ihren Universitäten Finanzlöcher beschert. Kristofer und Tobias fürchten, dass die Studiengebühren nicht in eine bessere Lehre fließen, sondern schon für den normalen Unibetrieb gebraucht werden.

Montag, am Vorabend. Kurz vor 18 Uhr ist das Audimax noch fast leer. Schon fünf Minuten später allerdings ist der größte Hörsaal der Uni Freiburg voll besetzt. Die Stimmung ist gut und friedlich. Als eine Rednerin um Ruhe bittet, ist der ganze Saal mucksmäuschenstill. Zunächst wird die Tagesordnung festgelegt. Über alles wird streng nach Geschäftsordnung abgestimmt. Als über die Leinwand per Skype die besetzte Uni Potsdam zugeschaltet wird, jubelt der Saal. "Guckt, dass ihr hier einzieht, das fänden wir cool", fordern die Potsdamer. "Wollen wir hierbleiben?", fragt Jacob, einer der Wortführer, ins Mikro. Die Studenten jubeln und stimmen ab. Um kurz vor 20 Uhr ist das Audimax offiziell besetzt, per Twitter wird die Nachricht gleich verbreitet.

Am nächsten Morgen ist Tag der offenen Tür – ausgerechnet. Von langer Hand geplant, präsentiert sich die Alma Mater an diesem Tag ihrem Nachwuchs – eingeladen und gekommen sind Schüler aus ganz Südbaden. Doch die Audimax-Besetzer räumen nicht den Platz, allenfalls ihre Schlafsäcke ein wenig zur Seite. Man ist ja kompromissbereit. Prorektor Heiner Schanz darf die Schüler zum Tag der offenen Tür begrüßen. Die erste und letzte Rede des Vormittags halten aber die Streikler. Sie haben das Rekrutierungspotenzial erkannt: Von den 5000 Demonstranten, so wird man später wissen, waren mehr als die Hälfte Schüler.

"TANZT, LEUTE, IHR DÜRFT AUCH SPASS HABEN"

Vom Audimax geht es friedlich zum Rektorat und durch das Martinstor zurück zur Uni. Über Lautsprecher läuft Rap-Musik. "Tanzt, Leute", ruft der Mann am Mikro, "ihr dürft auch Spaß haben." Hier verbindet sich Bildungsprotest mit ein bisschen Love-Parade. Am Ende sind die Streikler mit ihrer ersten Etappe zufrieden. Und in der Uniführung ist man froh, dass nicht das Rektorat besetzt worden ist. Eigentlich, sagt ein Streikler zum Sprecher der Universitätsleitung, Rudolf-Werner Dreier, hätten die Uni und die Studenten ja die gleiche Schlagrichtung. Und Dreier nickt und gibt ihm recht. So ist der Protest auch ein Event, das verbindet. Hier ein Flyer für freie Bildung, dort ein Flyer für die nächste Party.

Eigentlich sollte im Audimax am Mittwoch eine große Jura-Klausur geschrieben werden. Prorektor Schanz bittet die Besetzer, doch freundlicherweise auf einen anderen Hörsaal auszuweichen. "Das Rektorat ist verpflichtet dafür zu sorgen, dass der Lehrbetrieb für diejenigen Studierenden, die sich nicht an den Protesten beteiligen wollen, ungestört weiterlaufen kann." Vergebens. Die Besetzer bleiben hart. Am Ende ist es die Uni-Leitung, die für die 350 Klausurprüflinge andere Räume suchen muss. Dennoch, an der Linie der Toleranz will Schanz einstweilen festhalten und dem Protest Raum geben. Jedenfalls, solange der Protest "konstruktiv und friedfertig bleibt".

 

Autor: Katharina Wetzel



3 Kommentare

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jow 18. November 2009 - 09:35 Uhr

Als ich heute morgen beim Frühstück das Titelbild Ihrer Printausgabe sah, mußte ich sofort an die zwei aktivsten Forumskommentatoren denken. Warum wohl?

 

Bäm! 18. November 2009 - 10:54 Uhr

Liebe Authorin,

der Unterschied zwischen Jurist und Jura-Student scheint wohl noch nicht ganz so geläufig zu sein? Oder sind Jura-Studentinnen (im ersten Semester) tatsächlich schon Juristinnen? Gott bewahre...

Henoch  

Henoch 18. November 2009 - 10:57 Uhr

@Bäm,

nein, Jurastudenten sind noch keine Juristen, genauso weinig, wie Autoren, Autorinnen Authoren oder Authorinnen sind. ;-)