Eine Region und der Mut, anders zu sein

Benjamin Dürr

Von Benjamin Dürr

Mi, 03. Januar 2018

Kultur

LEEUWARDEN: Die Stadt im Norden der Niederlande besinnt sich zum Kulturhauptstadt-Jahr auf ihre friesische Identität.

Im Mittelalter, als europaweit eine adelige Elite über die Bevölkerung herrschte, blieben die Friesen ihre eigenen Herren: Grafen und Herzöge kannten und akzeptierten sie nicht. Und als 1815 das Königreich der Niederlande geschaffen wurde, setzten sie zwei offizielle Sprachen durch: Niederländisch und Friesisch.

Bis heute pflegen die Friesen an der Nordsee ihre Selbstständigkeit und ihren Eigensinn. Friesisch ist noch immer offizielle Sprache. In diesem Jahr ist die friesische Provinzhauptstadt Leeuwarden Kulturhauptstadt. Die Macher haben dafür ein Programm zusammengestellt, das die Eigenständigkeit, die Aufmüpfigkeit und die Kreativität mit einem Augenzwinkern zu Kernthemen macht: Diversität, Innovation, der Mut, anders zu sein, und gleichzeitig der Sinn für Tradition, Gemeinschaft und Geschichte – das sind die roten Fäden im Programm.

Schlendert man durch die 100 000-Einwohner Stadt, sieht man Straßenschilder und Speisekarten in beiden Sprachen. Die Häuschen in der Innenstadt sind eng zusammengebaut, sie bilden ein Labyrinth aus Gassen. Eingeschlossen ist die Innenstadt von einem Kranz aus Kanälen, der früher dem Schutz diente. Wer an ihnen entlang wandert, landet irgendwann bei den Bierkellern. Unter der Straße, mit Zugang zum Wasser, wurde dort früher Bier gebraut.

Am Eröffnungswochenende für das Kulturhauptstadtjahr am 26. und 27. Januar füllen sich die Straßen und Plätze von Leeuwarden und anderen Städten mit Musik und Theater von internationalen Künstlern, die gemeinsam mit lokalen Akteuren auftreten. Nicht nur Leeuwarden ist Kulturhauptstadt, sondern die ganze Provinz, vom Wattenmeer an der Nordsee bis in die Wälder. Vom 1. bis 10. Juni zum Beispiel finden in Oranjewoud im Südosten von Friesland Konzerte in Wäldern und auf Landgütern statt, unter anderen mit dem britischen Violinisten Nigel Kennedy und dem jungen luxemburgischen Pianisten und Komponisten Francesco Tristano.

Eines der größten Projekte ist "11Fountains", elf Wasserkunstwerke in elf Städten. Sie nehmen Bezug auf eine der bekanntesten Traditionen in Friesland: Die "Elfstedentocht" ist ein fast 200 Kilometer langes Eislaufrennen auf zugefrorenen Kanälen und Flüssen, das elf Städte in der Provinz miteinander verbindet. Seit 1909 wurden allerdings erst 15 Rennen gelaufen, zuletzt 1997, weil die Winter milder und das Eis dünner werden. Für "11Fountains" haben Künstler aus aller Welt große Wasserkunstwerke für die elf Städte entlang der Strecke geschaffen. Im Mai werden sie enthüllt.

Die Kulturhauptstadt Leeuwarden-Friesland umfasst neben dem Hauptprogramm mit rund 100 Veranstaltungen zahlreiche weitere Programmpunkte von örtlichen Initiativen und für die lokale Bevölkerung. Entlang der Nordseeküste entstehen im Wattenmeer unter dem Titel "Sense of Place" 25 Kunstwerke. Auf der Insel Vlieland legen Künstler, Autoren, Fotografen und Landschaftsarchitekten sieben Terrassen im Meer an, die Ende April vorgestellt werden. Mit ihnen werden besondere Orte der Insel markiert und die Geschichten der Bewohner dahinter dokumentiert.