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11. November 2017

Eine Schöpfungskraft im Menschen und in der Natur

Gertrud Maria Güra, Schwester Ursula Zimmermann und Andreas Mölder gestalten in Inzlingen einen Abend zu Hildegard von Bingen.

  1. Gertrud Maria Güra und Schwester Ursula Zimmermann Foto: Frey

Der großen mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen war ein besonderer Abend des Kirchenmusikfestivals "Goldener Herbst" gewidmet. Die Sängerin Gertrud Maria Güra, Schwester Ursula Zimmermann von der evangelischen Ordensgemeinschaft St. Chrischona und Organist Andreas Mölder gestalteten in der Kirche St. Peter und Paul in Inzlingen das Programm "Grünkraft" mit Liedern und Texten der Heiligen Hildegard von Bingen, die als Äbtissin, Universalgelehrte, Heilkundige und Komponistin bis heute große Wirkungskraft ausstrahlt.

Schwester Ursula Zimmermann zeichnete anschaulich den Lebensweg dieser ungewöhnlichen Frau nach, "die in vielen Dingen revolutionär und wegweisend war" und über großes Wissen und Kenntnis der Heilkräfte der Natur, der Schöpfung, der Seele und des Glaubens verfügte. Ein einschneidendes Ereignis war für Hildegard von Bingen, als sie "im 43. Jahr ihres Lebenslaufes" ein "himmlisches Gesicht" schaute: "Ich sah einen großen Glanz und eine himmlische Stimme erscholl daraus."

Von diesem göttlichen Licht, dieser spirituellen Wärme sind auch die geistlichen Lieder der Hildegard von Bingen durchdrungen, die Gertrud Maria Güra so einfühlsam sang. Lupenrein und beseelt erhob sich ihre Stimme im Kirchenraum, gleichsam wie ein Lichtstrahl, der alles erhellt und erwärmt. Die Sängerin ist Spezialistin auf dem Gebiet der Hildegard-Gesänge. Ihr Gesang entfaltet sich in den überlieferten Melodien meditativ und ruhig und lässt die spirituelle Kraft dieser Liedkompositionen im Raum schwingen. Vergeistigt sang sie das Lied "O magne pater", in dem Gott um Hilfe in der Not angefleht wird, und das "Spiritus sanctus", in dem die Kraft des Heiligen Geistes besungen wird. Auch in "O frondens Virga" und "O viridissima Virga" öffnete die Sängerin mit ihrer Stimme voller Klarheit und inniger Schlichtheit den Zuhörern Räume der Kontemplation.

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Sehr schön verwoben sich gesprochene Texte und Lieder. Schwester Ursula Zimmermann sprach über die "Grünkraft", die für Hildegard von Bingen eine treibende Kraft war, eine Heilkraft, eine göttliche Kraft, eine Schöpfungskraft im Menschen und in der Natur, die Lebensenergie bringt. Die Schriften der Hildegard hätten sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Äbtissin, die mit 49 Jahren ihr eigenes Kloster gründete und zahlreiche Antiphone, Hymnen und Sequenzen schuf, habe sich als "Gefäß" und "Mundstück für die göttliche Welt" empfunden, so Schwester Ursula Zimmermann.

Passend zu diesen Gedanken trug Gertrud Maria Güra das Lied "O quam mirabilis" vor, das von Andreas Mölder an der Orgel feinfühlig, dezent und weich im Klang untermalt wurde. Der Organist griff die besondere Stimmung auch in einer eigenen Improvisation auf. Mit dem berührend gesungenen Lobpreis "Caritas abundat" ("Die Liebe überflutet das All") klang der Abend aus, der den Zuhörern das Wirken der Hildegard von Bingen sehr eindrücklich nahe brachte.

Autor: Roswitha Frey