"Einen Tagesvater haben wir keinen"

Leony Stabla

Von Leony Stabla

Di, 24. April 2018

Rheinfelden

BZ-INTERVIEW mit Jennifer Neuschütz, die im Familienzentrum einen Qualifizierungskurs für die Kindertagespflege anbietet.

RHEINFELDEN. Zu viele Eltern, die schnell wieder in ihren Beruf einsteigen wollen oder müssen und zu wenig Kita-Plätze, das ist eine Kombination, bei der Probleme vorprogrammiert sind. Da muss nach anderen Lösungen gesucht werden. Deshalb bietet das Familienzentrum schon seit mehr als 15 Jahren einen Qualifizierungskurs für Kindertagespflegepersonen an. Leony Stabla sprach mit Jennifer Neuschütz, die in diesem Jahr zum ersten Mal den neuen Kurs leiten wird.

BZ: Gibt es denn noch Bedarf an Betreuung durch Kindertagespflegepersonen?

Neuschütz: Der Bedarf ist weiterhin sehr hoch. Wir haben viele Anfragen, besonders für Kinder unter drei Jahren, da die vorhandenen Krippenplätze nicht ausreichen. Manchmal geht es auch nur um eine Nachmittagsbetreuung, weil das Kind nicht in einer Ganztageseinrichtung untergebracht ist, oder die Eltern haben Schicht- oder Wochenendarbeit, so dass eine Betreuung mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätten nicht abzudecken ist. Da müssen wir manchmal lange suchen, bis wir eine geeignete Lösung gefunden haben.

BZ: Und interessieren sich noch genügend Menschen dafür, Tagesmutter oder -vater zu werden?

Neuschütz: Es ist immer schwierig, einen Qualifizierungskurs voll zu bekommen. Aktuell haben wir sechs Anmeldungen. Das ist wenig, denn so entsteht kein Austausch und keine Gruppendynamik, die Themen sind in der Diskussion einfach zu schnell abgehakt. Schön wäre es, wenn wir wenigstens noch zwei weitere Teilnehmer hätten. Gerne auch mal einen Mann, denn bisher haben wir in unserer Kartei keinen einzigen Tagesvater, aber ich weiß auch, dass das schwierig ist, weil die Kindertagespflege allein nur schwer eine Familie ernähren kann.

BZ: Was verdient denn eine Tagesmutter in Rheinfelden?

Neuschütz: Das Landratsamt zahlt an die Kindertagespflegeperson 5,50 Euro pro Betreuungsstunde, arbeitet sie nach dem Rheinfelden Modell, bekommt sie von der Stadt noch 50 Cent dazu. Wie viel die Eltern an das Landratsamt zahlen müssen ist von der Anzahl der Kinder, die in der Familie leben, und vom Betreuungsumfang abhängig. Als zweiter Verdienst in einer Familie ist das sicher nicht schlecht, auch weil man seine eigenen Kinder ja mitbetreuen kann.

BZ: Was muss man vorweisen, wenn man eine Pflegeerlaubnis beantragen möchte?

Neuschütz: Geeignete Räume, wobei die Vorstellung der vorhandenen Räume oft viel zu hoch ist. Das kann auch eine Mietwohnung sein. Wenn die eigenen Kinder dort groß werden können, dann können es auch andere. Wichtig ist die Sicherheit, aber wir helfen auch Gefahrenstellen zu entdecken und zu beheben. Ansonsten braucht es eine Schlafmöglichkeit, da die meisten Kinder noch Mittagschlaf machen, eine Wickelgelegenheit und einen Spielbereich. Ein großer Garten ist gar nicht nötig, obwohl viele das glauben, auch Tierhaltung ist kein Problem. In sehr beengten Verhältnissen wird die Pflegeerlaubnis unter Umständen für weniger Kinder gewährt. Außerdem braucht man einen Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder, ein polizeiliches Führungszeugnis, auch für Familienmitglieder über 18, die zum Haushalt gehören, eine Einschätzung durch den Fachdienst und natürlich den absolvierten Qualifizierungskurs.

BZ: Wie werden Sie diesen Qualifizierungskurs gestalten?

Neuschütz: Ich bin kein Fan von Frontalunterricht. Die Themen sollen von den Teilnehmern eigenständig, in Gruppen oder gemeinsam als ganzes Team erarbeitet werden. Mit Leuten an pädagogischen Themen zu arbeiten und mit ihnen in den Austausch zu kommen, da freue ich mich drauf und möchte es auch sehr lebendig gestalten.

Info: Der Qualifikationskurs zur Kindertagespflegeperson startet am Mittwoch, 2. Mai. Er dauert etwa ein Jahr und findet immer am Mittwoch und einmal im Monat am Samstagmorgen statt. Bereits nach dem ersten Block kann eine vorrübergehende Pflegeerlaubnis beantragt werden. Voraussetzungen sind ein Hauptschulabschluss, Deutschkenntnisse der Stufe B2 und ein Eignungsgespräch mit Jennifer Neuschütz.

Der Kurs kostet eine Kaution von 130 Euro, die nach erfolgreichem Abschluss zurückbezahlt wird. Finanziert wird die Qualifikation vom Land Baden-Württemberg und dem Kreis Lörrach.