Film-Doku

"Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkung" sät viele Zweifel

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Di, 11. September 2018 um 19:30 Uhr

Kino

Fakten versus Bauchgefühl: David Sieveking hat sich in seinem neuen Dokumentarfilm "Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkung" einem Reizthema angenommen.

Schon die Prämisse des Films ist ärgerlich. Ihr Bauchgefühl sagt, Impfen sei schlecht. Sein Bauchgefühl sagt, Impfen sei gut. Die Beweislast liegt bei ihm. David Sieveking, bekannt für seinen Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" über die Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter, erzählt in seinem neuen Film "Eingeimpft" die langwierige Entscheidungsfindung darüber, ob die gemeinsame neugeborene Tochter nun geimpft werden soll oder nicht. Spoiler: Am Ende des Films, als die Kleine schon längst laufen und reden kann, wird sie doch noch immunisiert, zumindest gegen ein paar Krankheiten. Sieveking und seine Lebenspartnerin, die Filmmusikkomponistin Jessica de Rooij, haben einen individuellen Impfplan entwickelt, der auf seinen jahrelangen Recherchen basiert.

Der Film zeigt die jungen Eltern meinungsstark, aber unfassbar naiv: "Allein das Gefühl, dass ich jetzt einem kerngesunden Kind etwas antue, tut mir weh. Weil ich keine Ahnung habe, ob Impfen wirklich so gut ist. Ich habe einfach Respekt vor dem Zeug und will es möglichst lassen, irgendwelche Chemie zu nehmen, irgendwelche Spritzen. Lieber natürlich leben", sagt de Rooij mit Tränen in den Augen. Halbherzig erwidert Sieveking: "Man kann aber auch sagen, lieber eine natürliche Impfung geben, bevor man krank wird und das dann das mit irgendwelchem Zeug behandeln muss." Sie schluchzt: "Irgendwelche Metalle sind da drin. Irgendwas, damit es funktioniert." Er antwortet verwirrt: "Ich dachte, da sind Krankheitserreger drin." Das ist die Ausgangslage. Die Sache mit dem Impfen lassen die Eltern sicherheitshalber erst mal bleiben. Nicht zuletzt wegen der Ansteckungsgefahr geht ihre Tochter zunächst in keine Kita.

"Ich zeige Jessica jetzt mal, wie ein Dokumentarfilmer recherchiert", nimmt sich Sieveking vor, der im Film auch als Ich-Erzähler aus dem Off fungiert in einem Duktus, der irritierend an "Die Sendung mit der Maus" erinnert. Selbstbewusst macht sich der medizinische Laie daran, die Impffrage von vorn aufzurollen.

Hier das Gefühl, da die Fakten

Mit den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts, der obersten Behörde für öffentliche Gesundheit in Deutschland, hält er sich nicht allzu lange auf. Sieveking lässt so ziemlich jeden mit einer Meinung zum Thema zu Wort kommen: andere Kreuzberger Eltern, die eigene Hebamme, Anthroposophen, Ärzte und Wissenschaftler. Wir verfolgen, wie er sich mit kindlicher Neugier die Basics erarbeitet und in Animationen, die erklären, wie der Impfstoff das Immunsystem eigentlich stärken soll, an uns weitergibt.

Dann trifft Sieveking den dänischen Anthropologen und Mediziner Peter Aaby und vertieft sich plötzlich in ein komplexes und kontroverses Thema der Impfforschung: Es geht um mögliche "unspezifische Wirkungen" von Lebendimpfstoffen auf die ganze Immunabwehr. Aaby schlussfolgert aus in Westafrika gewonnenen Daten, dass Impfungen Babys nicht nur vor der jeweiligen Krankheit schützen, sondern ihnen auch einen generelleren Schutz vor anderen Infektionskrankheiten verleihen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht das zwar noch nicht bestätigt, aber Sieveking ist Feuer und Flamme. Impfstoffe, die aus abgetöteten Viren hergestellt werden wie etwa gegen Diphtherie, Tetanus und Polio, sieht er dagegen nach Aabys Lehre eher kritisch: "Jetzt hoffe ich nur, dass ich Jessica mit meiner neuen Begeisterung für Lebendimpfstoffe anstecken kann", sagt seine Stimme aus dem Off.

"Eingeimpft" ist der falsche Film zur falschen Zeit. Sieveking versucht, ausgeglichen zu sein, was zur Folge hat, dass er Leuten mit Gefühl genauso viel Platz einräumt wie Leuten mit Fakten. In Zeiten von Fake News und dem generellen Vertrauensverlust in Institutionen sät "Eingeimpft" somit Zweifel an den Grundfesten einer aufgeklärten Gesellschaft.

Autor, Verlag und Filmverleih betonen zwar, dass der Film und das gleichnamige Buch "ausschließlich die Entscheidungssuche einer Familie zeigen." Sieveking selbst schreibt als Replik auf die Kritik, der Film "soll kein Regelwerk sein, das ein jeder befolgen soll, sondern möchte ausschließlich darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen." Den Film nun derart kleinzureden, kommt einem Eingeständnis gleich, dass die Einordnung der Recherchen sehr wohl ihre Schwächen hat. In Freiburg, wo man gern und viel übers Impfen streitet, stößt der Film gewiss auf Interesse.

Am Sonntag, 23. September, 17 Uhr, veranstaltet der Freiburger Friedrichsbau ein Filmgespräch mit David Sieveking.