Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
18. August 2010 12:39 Uhr
Paraweltmeisterschaft als Ziel
So trainiert ein blinder Bogenschütze in Eisenbach
Ruben van Hollenbeke trifft blind – wortwörtlich. Und erfolgreich. Der 33-jährige Belgier wurde schon zweimal Vizeweltmeister der blinden Bogenschützen. Er trainiert derzeit in Eisenbach.
EISENBACH. Bogenschießen für blinde Menschen ist eine noch recht junge Sportart, in der Ruben van Hollenbeke es mit Disziplin und Selbstbewusstsein sehr weit gebracht hat. "Bogenschießen ist mein großes Hobby", sagt der begeisterte Schütze, der noch viel vorhat. Sein nächstes Ziel: Bei den kommenden Paraweltmeisterschaften in Italien möchte er wieder ganz weit vorne landen. Für diesen Traum trainiert er auf der Bogenschießanlage des Landgasthofs Bad in Eisenbach - konzentriert und mit ruhiger Hand. Breitbeinig steht er da, ganze 30 Meter entfernt ist die Zielscheibe, die er mit seinem 32-Zoll Bogen anvisiert. Mit viel Gefühl sucht er sein Ziel, den linken Arm hat er durch-gestreckt, mit dem rechten zieht er die Sehne nach hinten, lässt los und der Pfeil rauscht ins Ziel. "Die zehn auf halb zwölf Uhr hast du erwischt", gibt sein Trainer Paul Remaut das Ergebnis bekannt. Wieder ein Volltreffer. Auf diese Entfernung - kaum zu glauben. Und man fragt sich staunend, wie das überhaupt geht - Schießsport und Sehbehinderung?
Werbung
"Die Schützen brauchen natürlich viel Unterstützung",, erklärt sein langjähriger Trainer und Freund Paul Remaut. "Als Orientierungshilfe haben wir uns eine besondere Konstruktion einfallen lassen, die gemeinsam auf das Ziel ausgerichtet wird. Darin kann der Schütze fest stehen und seinem Bogen in die richtige Position bringen", erklärt der Experte. "Denn anders als sehende Schützen können Blinde nicht das eigentliche Visier benutzen. Da sind solche Hilfsmittel einfach nötig", macht Remaut deutlich. Der Bogen wird aber frei gehalten. Ein Klicker am Bogen zeigt ihm akustisch, wann er die Sehne und damit den Pfeil lösen muss.
Während des Wettkampfes darf der Trainer nur durch Ansagen einer Uhrzeit und der Ringfarbe ausdrücken, wo ein Pfeil auf der Scheibe gelandet ist. Der Schütze muss freihändig entsprechend korrigieren.. "Man muss ruhig durchatmen und sich auf den Bogen konzentrieren", sagt Ruben van Hollenbeke, als er den Bogen für die nächsten drei Versuche anhebt. Mit viel Effet versenkt er seine Pfeile in der Zielscheibe. "Ich sehe alles wie durch Milchglas", beschreibt er seine Sehbehinderung. Die dreißig Meter weit entfernte Scheibe erkennt er nur als einen Schatten. Und trotzdem landet er gute Treffer auf der Scheibe. Das erfordert viel Übung. Denn vor seiner Erblindung hatte er noch nie geschossen. Damals interessierte sich der gelernte Schreiner nicht die Bohne fürs Bogenschießen, sondern für schnelle Motorräder, bis er mit 21 Jahren das Augenlicht verlor. Vier Jahre besuchte er die Blindenschule, wo er seine heutige Freundin kennenlernte und von einem Lehrer auf das Bogenschießen aufmerksam gemacht wurde. Anfangs war er skeptisch. "Damals konnte ich selbst nicht glauben, dass das als Blinder überhaupt möglich ist", denkt er zurück. Trotzdem fand er gleich Gefallen an der Sportart und der ungewöhnlichen Herausforderung.
Für seine Erfolge trainiert er hart. Fast täglich im Verein Sankt Rafael in Brugge oder zu Hause, wo er eine eigene kleine Schießanlage hat. Zusätzlich trifft er sich mit dem ausgebildeten Lehrer Paul Rimaut, einem ehemaligen erfolgreichen Sportschützen, der ihn für internationale Wettkämpfe fit macht. In seiner Heimatstadt Brugge arbeitet Ruben van Hollenbeke auch. In einer Einrichtung hat er das Flechten von Sitzflächen für Stühle gelernt, das er in Teilzeit ausübt. In Begleitung seines Blindenhundes Makker bewegt er sich durch die Stadt und nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Wie sein Herrchen trainiert auch der Hund derzeit fleißig. In einem Seminar speziell für Blindenhunde erhält der Labrador eine Nachschulung.
"Die Körperspannung und der richtige Krafteinsatz sind entscheidend für einen guten Treffer", sagt Ruben van Hollenbeke, während er erneut die Sehne spannt. Auf Empfehlung eines Freundes beantwortet er die Frage wie er nach Eisenbach kommt.
"Es ist wunderschön hier zu wandern und das Essen ist hervorragend", berichtet er erfreut. Sein Traum? Den Weltmeistertitel zu erreichen und eine Teilnahme an den Paralympics. Leider ist Bogenschießen für Blinde als Disziplin noch nicht in die olympischen Wettkämpfe mit aufgenommen. Aber er und sein Trainer sind zuversichtlich, dass sich dies in den kommenden Jahren ändern wird. Dann lässt Ruben van Hollenbeke die gespannte Sehne los und ein Pfeil schwirrt durch die Luft. "Volltreffer", ruft Paul Rimaut. "Gelb auf halb neun"
Autor: Eva Weise


