Voll Interesse für die Menschen

Peter Stellmach

Von Peter Stellmach

Di, 31. Juli 2018

Eisenbach (Hochschw.)

Barbara Bollwahn ist gestorben.

EISENBACH. Der letzte Kontakt liegt nur Wochen zurück. Die Redaktion bat Barbara Bollwahn, für eine Beilage auf ihre Zeit als Eisenbacher Dorfschreiberin 2009 zurückzublicken. "Da bin ich gern dabei", antwortete sie – "wenn ich es noch schaffe". Ihren Beitrag für die BZ schaffte sie, ihren Kampf gegen den Krebs hat sie verloren, Barbara Bollwahn ist gestorben.

Barbara Bollwahn war eine sehr rührige Dorfschreiberin. Nicht nur, dass sie mit "Das Durcheinander, das sich Leben nennt" ein Jugendbuch schrieb, das in Eisenbach spielt. Sie war unterwegs bei und mit den Leuten. Sie war im Stall beim Melken und beim Kalben, saß am Stammtisch und hielt beim Erzählen und bei den Bestellungen mit den Männern mit. Sie schwärmte von hier im Deutschlandfunk oder bei Spiegel online. Und sie besuchte regelmäßig Eisenbach und die Eisenbacher und beschrieb für das Tourismusmagazin Menschen. In Berlin trug sie am liebsten Hochschwarzwald-Strohschuhe.

Jahrgang 1964, wuchs Barbara Bollwahn auf in einem Ort zwischen Leipzig und Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt. Mit 17 zog sie nach Leipzig und studiert Englisch und Spanisch – ohne Aussicht darauf, diese Sprachen je außerhalb der Landesgrenzen anwenden zu können. Sie schrieb einen Ausreiseantrag, schickte ihn aber nicht ab, sondern verfolgte in der DDR ihren Wunsch, freie Dolmetscherin zu werden. 1989, als die Mauer fiel, ging sie sofort nach Westberlin: Ausreisestempel 10. November. Die Züge waren voll, also zahlte sie einem Taxifahrer 100 D-Mark. Sie hatte das "Westgeld" als Dolmetscherin auf der Leipziger Messe verdient und angespart "für den Tag X". Dann machte sie Bekanntschaft mit dem Journalismus. "Das hat mich gereizt, dabei hatte ich ja keine Ahnung davon", erzählte sie 2009 im BZ-Gespräch. 1991 kam sie zur taz und fand als Quereinsteigerin schrittweise in den Beruf, bis zur Reporterin und Kolumnistin. 1996 wurde ihr der Wächterpreis der Tagespresse verliehen für eine Reportage über einen rassistischen Überfall auf drei Briten, die zur Verurteilung der Täter führte.

taz-Kollegen nennen in ihrem Nachruf Barbara Bollwahn eine herausragende Reporterin, immer hungrig nach Neuem. Vielleicht deshalb war im Hochschwarzwald "wunderfitzig" ihr Lieblingswort. Viele Dialektwörter verwendete sie bei Auftritten und in ihren BZ-Beiträgen. Sie sagte auch gern, mach it so e Gschiss. Doch, das machen wir.