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04. April 2009
"Wir können einiges an Menschlichkeit lernen"
Ramona Graf aus Eisenbach hat ein halbes Jahr lang in Nepal gelebt und an einer Schule unterrichtet / "Mona-Miss" hat ein Wiedersehen versprochen
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Der Abschied fiel allen richtig schwer: Ramona Graf mit ihren betagten Gasteltern in Hetauda Foto: annemarie zwick
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Nach einem halben Jahr mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen wieder daheim: Ramona Graf Foto: annemarie zwick
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In der blauen Schuluniform: Einige der Schüler, die Ramona Graf in Nepal in Englisch unterrichtete Foto: ramona graf
EISENBACH. Seit einer Woche lebt Ramona Graf wieder zu Hause bei ihrer Familie in Eisenbach, aber ihre Gedanken sind noch sehr oft weit weg: bei ihrer Gastfamilie und den vielen Kindern, die sie ein halbes Jahr lang in Nepal unterrichtet hat. Mit glänzenden Augen erzählt die 20-Jährige von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, die sie noch lange im Alltag in unserer Wohlstandsgesellschaft begleiten werden.
Schon lange vor dem Abitur am Kreisgymnasium 2008 wusste Ramona Graf, dass sie danach erst mal ins Ausland wollte. Nicht nur, um Urlaub zu machen, sondern zu einem Freiwilligendienst. Ihre Motivation: "Ich wollte irgendwo ’was helfen und bewegen." Und Bildung sei "der Weg aus der Armut raus". Erst dachte sie an Südamerika, dann las sie, dass ein Einsatz in Nepal möglich sei: "Das hörte sich interessant an." Wohin also ? Die mittlere Tochter von Titisee-Neustadts Stadtbaumeister Heinrich Graf hatte eine ungewöhnliche Idee. "Ich habe im Internet Gesichter gegoogelt, und die Nepalesen sehen so herzig aus." Die Entscheidung war gefallen, das Ziel hieß Nepal.Werbung
Ramona Graf kann ihr auf Anhieb ungewöhnliches Auswahlkriterium begründen: Auf einer vierwöchigen Studienreise allein durch Island habe sie zuvor festgestellt, "es liegt einfach an den Menschen, ob’s eine gute Reise wird". Ihr Eindruck trog sie nicht, die Menschen in Nepal seien wirklich "herzig". Die deutsche Organisation IBG (Internationale Begegnung in Gemeinschaftsdiensten) verwies sie an den "New International Friendship Club" in Nepal, der sie in eine Familie und an eine Schule vermittelte, wo sie Englisch unterrichten sollte.
Im Oktober ging’s los. 13, 14 Stunden dauerte der Flug von Frankfurt nach Kathmandu, in die Hauptstadt des südasiatischen Landes zwischen China und Indien. Dort wurde Ramona Graf abgeholt und nach Süden ins Flachland gebracht nach Hetauda, eine Stadt etwa so groß wie Neustadt. "Ich hatte mit dem Gebirge gerechnet", erinnert sich die Eisenbacherin. "Ich war erst unglaublich enttäuscht und am Ende unglaublich glücklich", verrät sie lächelnd. Die Berge habe man ringsum noch gesehen, "aber es sah alles schon indischer aus und war richtig warm, obwohl schon Winter war".
Ramona Graf kam in eine Familie, in der nur der Sohn Englisch konnte, der für den New International Friendship Club arbeitet. Sein Vater war etwa 85, dessen Zweitfrau um die 70, außerdem wohnten dort die beiden unverheirateten Söhne des Paares, das sechs Kinder hatte. Weil sie sich mit ihnen nur auf Nepali verständigen konnte, habe sie die Sprache schnell gelernt, sagt sei. Am Anfang sei es allerdings schwierig gewesen.
Das galt besonders für die staatliche Schule, an der die junge Deutsche zunächst völlig auf sich allein gestellt war. Sie war die erste ausländische Lehrerin dort und traf auf "Kollegen" und einen Direktor, die alle schlecht Englisch sprachen und sich aus Angst vor Fehlern oft auch nicht getraut hätten. Ohne jede Anleitung sollte die pädagogisch unerfahrene junge Frau allein die Klassen eins bis vier unterrichten, die ebenfalls noch kein Englisch verstanden. 30 bis 40 Schüler seien es pro Klasse gewesen, das jüngste Kind in der ersten Klasse drei Jahre alt, die ältesten dort elf. Kein Wunder, dass sich die Fremde, die niemand verstand, erst keinen Respekt verschaffen konnte. Zumal sich die menschenfreundliche, sensible Neue weigerte, die Kinder mit dem Stock zu schlagen. Alle anderen Lehrer hätten das getan, um für Disziplin zu sorgen, bei ihr tobten sie schreiend durchs Schulzimmer und über die Bänke.
Die dort gängigen Unterrichtsmethoden – "der Lehrer sagt ein Wort vor und die Schüler brüllen es nach" – überzeugten Ramona Graf nicht. Sie setzte auf Lieder, Spiele und Pantomime, um den Lernstoff lebendig zu vermitteln und selbstständiges Denken zu fördern. Dabei halfen ihr neben einem guten Buch ihre Erfahrungen aus dem Kinderturnen und "ich hab’ auch an meine Lehrer gedacht". Nicht ohne Stolz sagt sie über ihre Methode, "wir hatten viel Spaß zusammen und die Kinder haben ’was gelernt."
Als "ganz lieb und offenherzig" lernte Ramona Graf die Nepalesen kennen. Viele hätten sie eingeladen während ihres Aufenthalts. "Dort wird immer noch an andere gedacht", ist ihre Erfahrung, "wir können noch einiges an Menschlichkeit von ihnen lernen". Gründe für das freundliche, ja herzliche Verhalten sieht die junge Deutsche in der Armut vieler Menschen dort, dem Zusammenleben auf engem Raum und dem Wissen, dass alle später für ihre Eltern sorgen müssen, weil es keine Rente vom Staat gibt.
Die erlebte Solidarität beeindruckte Ramona Graf. Das einfache Leben konnte sie genießen, auch wenn es bedeutete, immer kalt zu duschen, die Wäsche von Hand zu waschen und täglich nur stundenweise Strom zu haben. Doch "langsam entwickelt sich alles Richtung Westen, vor allem durch Fernsehen, Computer und Tourismus. Alle versuchen, in die Stadt und später ins Ausland zu kommen, um viel Geld zu verdienen und ihre Familien unterstützen zu können. Die Kultur geht sehr schnell total verloren, auch das Denken verändert sich", sagt Ramona Graf mit Bedauern. Auf ihrer Trekkingtour im Himalaya habe sie negative Auswirkungen des Tourismus erlebt, was ihrem Begleiter aus der Heimat natürlich nicht aufgefallen sei.
Ramona Grafs starke Verbundenheit mit Nepal und vielen Menschen ist unverkennbar. Jetzt kümmert sie sich um Praktika und das angestrebte Psychologiestudium, doch dass sie nach dem allseits tränenreichen Abschied wieder nach Nepal reisen wird, steht für sie außer Frage: "Ich hab’s doch versprochen!"
Autor: Annemarie Zwick


