Studie

Chemiemüll im Elsass sorgt für Unbehagen im Dreiländereck

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 09. Februar 2015 um 08:57 Uhr

Elsass

37 offizielle und wilde Chemiemülldeponien gibt es im südlichen Elsass – zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. 35 davon befinden sich in der Nähe der Grenze.

Nicht weniger als 37 offizielle und wilde Chemiemülldeponien im Südelsass listet eine zwischen 2012 und 2014 im Auftrag der Mulhouser Industrie- und Handelskammer (CCI) erstellte Studie auf, die am Freitag im Rat des Trinationalen Eurodistricts Basel (TEB) vorgestellt wurde. Neben je einem Standort bei Mulhouse und Colmar befinden sich alle weiteren in Grenznähe bei Basel und Weil am Rhein. Von sechs als besonders gefährlich eingestuften Standorten liegt einer unterm Sportplatz Hüningen, vier weitere in Hagenthal-le-Haut und -le-Bas.

Nur drei Standorte wurden oder werden bisher saniert, wie das direkt am Rhein in Hüningen gelegene ehemalige Firmengelände des Insektizidproduzenten Ugine-Kuhlmann, das Novartis sanieren lässt. Für die CCI-Studie, die Brice Kaszuk, ein Umwelttechnikunternehmer aus Altkirch verantwortet, wurden einerseits staatliche Verzeichnisse von Industrie- und Deponiestandorten zu Rate gezogen. Darüber hinaus hat Kaszuk wilde Deponien aufgenommen, auf die der Basler Altlastenexperte Martin Forter seit Jahren hinweist. "Wir wollen keine Panik auslösen", sagt Kaszuk. Ihm sei es aber nicht zuletzt darum gegangen, Deponien, um die die Bevölkerung oft noch wisse, über die aber nicht gesprochen werde, nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen.

Kein Haus ohne Krebsfall

Im Mai 2013 hatte Forter zuletzt die Behörden Frankreichs, aber auch in Deutschland und der Schweiz auf giftige Abfälle von dem bis in die 70er Jahre in Hüningen produzierenden Insektizidhersteller Ugine-Kuhlmann hingewiesen, die seit Jahrzehnten auf Wiesen und Feldwegen oberhalb von Hagenthal-le-Bas lagern. Sie sind Teil von rund 100 000 Tonnen Hexachlorzyclohexan (HCH), die als Abfall bei der Produktion des inzwischen weltweit verbotenen Insektizids Lindan anfielen und zunächst auf dem Firmenareal am Rhein lagerten. Bei Ugine-Kuhlmann wurde damals ein neues Verfahren propagiert, sich der Abfallberge zu entledigen, in dem Beton neben Zement und Kies auch HCH-Staub zugesetzt wurde.

HCH ist aber nicht nur giftig; es stinkt auch unangenehm. Bereits für den Straßenbau im Schweizer Schönenbuch vorgesehen, musste der HCH-Beton deshalb nach Anwohnerbeschwerden wieder entfernt werden. Stattdessen wurde er Elsässer Bauern zur Befestigung ihrer Feldwege "geschenkt", weiß Forter. Bei der Untersuchung von Proben dieser "Befestigungen" kamen auf ein Kilogramm Beton bis 750 Gramm HCH. "Das ist reiner Sondermüll", warnt Forter. Zwar liegt der Müll seit über 40 Jahren auf den Feldern, aber er stinkt noch immer. Außerdem gelangt das HCH ins Grundwasser und wurde bereits im an der Grenze fließenden Schweizer Lörzbach nachgewiesen.

Das Thema stand deshalb im TEB-Districtsrat schon einmal auf der Agenda. Auch im Frühjahr 2013 waren Experten geladen, wurden aber nicht gehört, da man plötzlich glaubte, mit der millionenschweren Sanierung der Chemiemülldeponien Le Letten und Roemisloch habe sich das Thema erledigt. Ein Missverständnis, wie den Districtsratsmitgliedern nun vor Augen geführt wurde, von denen sich mancher noch gut an die Ugine-Kuhlmann-Problematik erinnern konnte, so etwa der Weiler SPD-Kreisrat und Jurist Johannes Foege, zu dessen ersten Amtshandlungen als Referendar 1972 ein Gutachten über Entschädigungszahlungen an einen betroffenen Bauern in Weil gehört hatten. Foege zeigte sich "erschüttert" über den Umgang französischer Behörden mit den Deponien.

Frankreich sei hier aber keineswegs problematischer als Deutschland oder Frankreich, entgegnete ihm Martin Forter: "Es wird überall viel zu wenig gemacht." Aber weil Ugine-Kuhlmann auf französischem Boden produziert hat, sind die Nachbarn am linken Rheinufer stärker, vielleicht aber auch nur früher betroffen. Nahe eines der Ablageorte des HCH-Betons in Hagentahl-le-Bas etwa liegt eine kleine Ansiedlung: "Es gibt da fast kein Haus ohne Krebsfall", weiß Brice Kaszuk. Was hier liege, wisse man dank Forter ziemlich genau. An anderen Standorten sei das anders "Wir haben oft keinerlei Sicherheit, was genau gelagert wurde." Beim Sportplatz von Hüningen wurden etwa seit 1960 große Mengen Chemiemüll aus der Schweiz deponiert auch Lindanabfälle. In einem Punkt sei er aber nicht einig mit dem Schweizer Altlastenexperten, Gefahr sei seines Erachtens nicht im Verzug. Aber: "Man kann das nicht ignorieren." Das will auch Heike Hauk als Vorsitzende der Kommission Umwelt im Districtsrat nicht und keine Untersuchungen mehr abwarten: "Wir müssen direkt aktiv werden", fordert sie