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23. Januar 2017 12:31 Uhr

Öko-Vorzeigedorf

Das Dorf Ungersheim im Elsass probt den Energiewandel

Ein kleines elsässisches Dorf macht sich auf den Weg, energieautark zu werden. Bürgermeister Jean-Claude Mensch setzt seine Ideen konsequent um – in einem Land, das stark von Atomkraft abhängt.

  1. Auf den Feldern des Ökodorfs wächst Obst und Gemüse, das der Gemeindehof direkt vermarktet (Symbolbild) Foto: dpa

  2. Bürgermeister Jean-Claude Mensch Foto: Bärbel Nückles

Ungersheim ist ein Dorf wie jedes andere. Keines von der malerischen Sorte, von denen es im Elsass so viele gibt. Ein Bäcker, ein Gasthaus, das derzeit geschlossen hat, ein großer Parkplatz und das Rathaus. Wer sich um die Mittagszeit zufällig in der Nähe der Grundschule aufhält, staunt allerdings nicht schlecht. Da zuckelt ein Pferdewagen vorbei, gezogen vom Gaul Richelieu, und nimmt ein Dutzend Kinder in Empfang, um sie dann nach Hause zu fahren. Um halb zwei Uhr sammelt sie der Kutscher wieder ein und liefert sie in der Schule ab. Sicher, viele Jungs und Mädchen werden mit dem Auto zum Unterricht gebracht. Nach wie vor. Das mit der Kutsche ist ohnehin "nur ein Baustein von vielen". Dies sagt Jean-Claude Mensch, der Bürgermeister.

Das Dorf hat das Interesse der französischen Medien geweckt

Das Dorf im Elsass und sein Bürgermeister, sie haben noch viel mehr in Gang gesetzt – und das Interesse der französischen Medien geweckt. Ein Film der Journalistin und Aktivistin Marie-Monique Robin zeigt: Ungersheim ist kein Dorf wie jedes andere. Hier, so scheint es, packt man die Dinge an, an der Wurzel, ist Vorreiterin – auch wenn dies manchem Durchschnittsfranzosen kurios erscheinen mag. "Was mich besonders begeistert hat, war, dass die Menschen hier den Begriff von Gemeinschaft und Gemeinwesen mit neuem Sinn gefüllt haben", sagt die Filmemacherin. "Was erwarten wir von der Zukunft, von unserem Leben, von uns und von den anderen? Das sind die entscheidenden Fragen." Ihre Dokumentation hat Robin also "Qu’est-ce qu’on attend?"("Was erwarten wir?") genannt. "Alles steckt in dieser einen Frage", sagt auch Bürgermeister Jean-Claude Mensch.

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Die Aufmerksamkeit hat den 71-Jährigen bestärkt. Seit 1989 hat ihn das 2500-Einwohner-Dorf als parteilosen, inhaltlich doch sehr grünen Kandidaten fünf Mal ins Bürgermeisteramt gewählt. Gleich zu Beginn der ersten Amtszeit ließ er eine mit Holz befeuerte Heizung in die Sporthalle einbauen, Solarzellen beheizten fortan das Schwimmbad. Mensch verbannte Pestizide und Düngemittel aus den Grünanlagen und reduzierte den Stromverbrauch der Straßenbeleuchtung um 40 Prozent.

Es war erst der Anfang. 2011 hat sich Ungersheim der Transition-Bewegung angeschlossen, initiiert vom Briten Rob Hopkins. Orte des Wandels wie Ungersheim, die umfassend ökologisch wirtschaften und die partizipative Demokratie stärken, gibt es auch in Deutschland und anderswo in Europa. Freiburg oder Karlsruhe sind auch "Transition-Towns". Hopkins war begeistert, wie konsequent Mensch seine Ideen in Ungersheim umgesetzt hat. Wie das kleine Dorf sich auf den Weg macht, energieautark zu werden. Und das in einem Land, das zu 75 Prozent von Atomstrom abhängt und in dem mehr als ein Drittel der Haushalte mit Strom heizen.

Selbstversorgung, geschlossene Kreisläufe, alles verwerten

In Arbeitsgruppen und Bürgerforen ist viel diskutiert und organisiert worden. Mit sichtbaren Ergebnissen. Inzwischen unterhält Ungersheim eine biologisch wirtschaftende Gärtnerei und einen Biohof, den ein Trägerverein betreibt. Täglich werden mehr als 500 Gemüsekisten bestückt und vermarktet, die Schulkantine liefert 500 Essen an Schulen in Ungersheim und den umliegenden Dörfern. Die Reste wandern in die örtliche Suppenküche.

Selbstversorgung, geschlossene Kreisläufe, alles verwerten – das will Bürgermeister Mensch. Logisch auch, dass sich der Gemeinderat in einer Resolution gegen den Weiterbetrieb des Akw im 20 Kilometer entfernten Fessenheim ausgesprochen hat. Doch ganz ohne Strom von außerhalb geht es nicht – trotz des dorfeigenen Solarkraftwerks. Seit zwei Jahren wandeln in Ungersheim Photovoltaik-Platten auf 40 000 Quadratmetern Licht in Strom um für 10 000 Menschen. Es ist angeblich die größte Anlage dieser Art im Elsass. "Wir werden nie zu einhundert Prozent unabhängig sein, schließlich leben wir nicht auf einer Insel", sagt Mensch. "Wir wollen so weit wie möglich gehen."

Seit 2005 hat er rund 100 Arbeitsplätze geschaffen, auch über soziale Eingliederungsmaßnahmen in der Landwirtschaft. 600 Tonnen Treibhausgas sowie 120 000 Euro im Gemeindehaushalt hat er eingespart, rechnet er vor. Doch er hat keineswegs nur Anhänger. Bei Präsidentschaftswahlen stimmt man hier wie auch anderswo im Elsass stramm konservativ – und damit für Atomkraft. Bei den Regionalwahlen erhielt zuletzt gar der Kandidat des Front National mit 52 Prozent die meisten Stimmen und sein fünftes Mandat erstritt Mensch gegen eine Liste, die von seiner eigenen Tochter angeführt wurde, die fand, dass sich endlich etwas ändern müsse in Ungersheim.

Ohne Ideale gehe es nun mal nicht, meint der Bürgermeister

Ist er naiv? Nein, antwortet Mensch, er sei Realist und Idealist. Ohne Ideale könne der Mensch nicht leben. Das ultraliberale Wirtschaftssystem sei am Ende. "Wir versuchen etwas anderes. Andere Lebensformen sind möglich", beteuert er. Lokale Politik sei zum großen Teil Überzeugungsarbeit. Zum Beweis verlegt er das Gespräch an den Dorfrand zu den Gemüsefeldern. Hier steht der Rohbau für den Biohof der Gemeinde, architektonisch ansprechend von außen, wärmedämmend nach innen. Ein Dutzend Bürger hat regelmäßig mit angepackt.

Mensch führt stolz durch den noch leerstehenden ringförmig angelegten Gebäudekomplex. Vom künftigen Aufenthalts-und Besprechungsraum blickt man auf Gewächshäuser und Felder: den Kohlacker, wo das Obst und Gemüse wächst, das der Gemeindehof direkt vermarktet. In einem Raum des Nebentraktes reihen sich heute schon Hunderte Flaschen mit Pürees und Suppen auf Holzregalen aneinander. Demnächst zieht die "Conserverie" hier ein, dann auch stärker automatisiert als bisher.

Zurück im Dorf. Marie Hagmann, 22 Jahre, schließt einen Raum im hinteren Trakt der Sporthalle auf. Sie kommt als Erste an. Marie ist die kommunale Angestellte der "Conserverie". Sie hängt ihre dicke Jacke im Nebenraum auf, schlüpft in einen schwarzen Arbeitskittel und streift ein Stirnband über die langen dunklen Haare.

Wer ökologisch wirtschaftet, verwertet Reste weiter

Sie stellt die Bottiche bereit, in denen schon zwei Kürbissorten aufgehäuft sind. Putzen, kleinschneiden. Es wird eine große Menge Suppe werden. Wer ökologisch wirtschaftet, verwertet Reste weiter. In Gläser und Flaschen abgefüllt, werden Kürbisse, Tomaten, Zucchini im Dorf und in Bioläden im Südelsass verkauft. Nach und nach trifft Maries Verstärkung ein, freiwillige Helferinnen wie Françoise Scholly, 55, die sonst im örtlichen Schwimmbad Dienst tut. "Klar trifft man immer auf dieselben Leute, die mitmachen", sagt Hagmann, die auch in einem der Ökohäuser lebt, die auf Initiative des Bürgermeisters entstanden sind. "Ich habe noch nie eine so befriedigende Arbeit erledigt."

Da ist auch Jean-Christophe Moyses. Er bewirtschaftet als Biobauer 54 Hektar bei Ungersheim und sagt als einer der Protagonisten in Marie-Monique Robins Film: "Wir werden die Welt nicht ganz allein verändern, aber wir zeigen hier, dass eine Veränderung möglich ist." Er ist der einzige geblieben unter sechs Bauern am Ort, der Biolandbau betreibt. "Macht nichts", resümiert Jean-Claude Mensch. "Veränderungen, auch globale beginnen im Kleinen."

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Autor: Bärbel Nückles