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25. Januar 2012

Die Illusion einer elsässischen Kleinstadt

In Roppenheim nördlich von Straßburg steht das Factory-Outlet-Center kurz vor der Fertigstellung / Kunden aus dem ganzen Oberrheingebiet werden erwartet.

  1. FOC Roppenheim Foto: BZ

ROPPENHEIM. Bürgermeister Gilbert Rinckel hat stets an das umstrittene Projekt geglaubt. Nun, nach 13 Jahren Vorlauf, steht das große Factory-Outlet-Center am Rande seines Dorfes Roppenheim; in dreieinhalb Monaten ist Eröffnung. Also sitzt der 61-jährige Bürgermeister in bester Laune hinter seinem Schreibtisch und erzählt von der langen Vorgeschichte des Fabrikverkaufszentrums, das Kunden aus dem ganzen Oberrheingebiet anlocken soll. Als vor 15 Jahren ein britischer Investor ein Outletcenter im badischen Söllingen ansiedeln wollte, horchte Rinckel auf. Und als klar war, dass die Deutschen das Vorhaben ablehnen, waren Rinckel und Roppenheim am Zug.

Wer von der Autobahnausfahrt Baden-Baden hinüber ins Elsass fährt, kommt unweigerlich am "Markendorf" vorbei, wie das Outletprojekt schon früh hieß, als noch der britische Investor Freeport dahinter stand. Rinckel hatte schon in seiner ersten Amtszeit in dem 1000-Einwohner-Dorf vorausschauend den Weg zur Genehmigung geebnet: Eine 17 Hektar große Wiese zwischen der Staustufe Iffezheim am Rhein und seinem Dorf wurde Gewerbegebiet: "Mir war klar, dass das eine der wenigen Chancen war, hier etwas anzusiedeln, das uns Einnahmen bringt."

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Den Projektgegnern in der Region hält er entgegen, dass das Outletcenter Arbeitsplätze schaffen werde – vorerst für 450, mittelfristig sogar für 750 Menschen. Doch der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes von Colmar, Vincent Houllé, fürchtet, dass das Gegenteil eintritt. "Outletcenter zerstören mehr Arbeitsplätze, als sie neu schaffen", sagt er. "Vor allem beschäftigen sie um die Hälfte weniger Personal als der konventionelle Handel." Philipp Frese, sein Kollege im südbadischen Verband, sieht das Projekt ebenfalls kritisch. "Outlets stellen eine Wettbewerbsverzerrung dar, weil sie Vorschriften außer Kraft setzen, die der Handel in den Innenstädten befolgen muss."

Draußen auf der Wiese vor Roppenheim ist ein Kunstdorf für den Fabrikverkauf entstanden. Neinver, ein spanischer Outletbetreiber, der Freeport gemeinsam mit dem Immobilieninvestor MAB Development die Rechte abgekauft hat, nachdem die jahrelange Klageschlacht auch vor dem höchsten französischen Gericht gewonnen war, will mit Roppenheim sein Kauferlebniskonzept noch weiter treiben als in seinen übrigen 13 Outletzentren in Europa. Nach dem Vorbild von Obernai wurde ein Gebäudeensemble in einem Stilmix aus Fachwerk, Barock und Renaissance gebaut. Den Besuchern wird die Illusion geboten, sie flanierten durch die Fußgängerzone einer elsässischen Kleinstadt. Die Fassaden scheinen zwar mehrgeschossig, doch dahinter verbergen sich nur flachgedeckte ebenerdige Verkaufflächen – insgesamt rund 27 000 Quadratmeter. Das Ganze wird umrahmt von 750 Bäumen, einem Spielplatz und einem künstlichen See.

In diesen Wochen übernehmen die Textil- und Schuhhersteller den Innenausbau der Ladenräume. 107 Mieter werden erwartet, darunter drei Gastronomiebetriebe. Zur Eröffnung am 25. April werden allerdings erst 70 Prozent der Geschäfte belegt sein. Neinver-Marketingdirektorin Valérie Thomas ziert sich, Markennamen zu nennen. "Darüber, wie und wann wir Angaben machen dürfen, stehen wir noch im Austausch."

Bei der Auswahl der Hersteller von Kleidung, Schuhen und Wohnaccessoires hatte Neinver keineswegs nur das Elsass im Blick. Zwei Drittel seiner Kunden soll "The Style Outlet" aus Deutschland nach Roppenheim locken – mit Marken, die dem deutschen Publikum vertraut sind. Bei einem Potenzial von 8,4 Millionen Menschen in der Grenzregion Elsass-Baden-Württemberg-Rheinland-Pfalz und Millionen Touristen erscheint es nicht so abwegig, wenn Valérie Thomas für das erste Jahr mit bis zu zwei Millionen Besuchern rechnet. Und dies, obwohl die Brücke über das Iffezheimer Stauwehr am Rhein wegen Bauarbeiten bis 2013 nur einspurig befahrbar ist.

Autor: Bärbel Nückles