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17. April 2010

Eine Woche Europa hautnah

Im "Model European Union" dürfen europäische Studenten im Straßburger Parlament die Gesetzgebungsprozesse nach spielen.

  1. EU-Simulation Foto: EU

STRASSBURG. Zum dritten Mal spielen in Straßburg zweihundert junge Europäer den Gesetzgebungsprozess in der EU-Vertretung nach. Knapp eine Woche lang dürfen sie am praktischen Beispiel studieren, wie europäische Politik funktioniert.

Als erlaube Politik selbst bei einem sensiblen Thema wie der Gentechnik keine Irritationen und kein Zögern, zählt Laura Johanna Lots ihre Argumente auf. Danach schließt sie mit der Forderung: "In meinem Land gibt es eine Mehrheit dafür, dass allein die Regierung über die Zulassung gentechnisch veränderter Organismen entscheidet." Die 22-Jährige verteidigt im Plenarsaal des Straßburger EU-Parlaments die Position Bulgariens in der Debatte um eine europaweit gültige Gentechnikrichtlinie. Erst im März hatte sich das osteuropäische Land einer solchen über einen Verfahrenstrick entzogen und sich zur gentechnikfreien Zone erklärt.

Die Freiburger Politikstudentin ist allerdings weder Bulgarin noch Mitglied des europäischen Abgeordnetenhauses. Sie sitzt zum ersten Mal hinter der gläsern-glitzernden Fassade des Parlamentsgebäudes. Model European Union nennt sich das Treffen, an dem 200 junge Europäer aus 21 Ländern der Europäischen Union teilnehmen. Zum dritten Mal simulieren sie das für den Laien meist undurchschaubare politische Geschäft im Straßburger Parlament.

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700 junge Leute vor allem aus Bulgarien, Rumänien, Deutschland und Portugal haben sich im Vorfeld mit einem politischen Essay beworben, viele davon, weil sie ihre berufliche Zukunft im Umfeld der Europäischen Institutionen sehen. "Wir haben aber auch Leute dabei, die Mathematik oder Biologie studieren und sich einfach für die Sache begeistern", sagt die diesjährige Hauptorganisatorin, Maria Inês Nascimento.

Wenn die jungen Leute zwischen 19 und 25 in den Debattenpausen in Anzug und Kostüm auf den Fluren beim Kaffee die anstehende Richtlinie diskutieren, scheinen tatsächlich alle so bei der Sache zu sein, wie es nur echter Enthusiasmus möglich macht. "Für mich ist das, was wir hier machen, überhaupt der einzige Weg, um zu verstehen, wie die EU wirklich arbeitet", sagt Inês Nascimento.

"Im Studium lernen wir leider nur theoretisch, wie Politik funktioniert", sagt Laura Johanna Lots. Zwei Plätze weiter sitzt Paul Langer, 24 Jahre, Student der Volkswirtschaftslehre und ebenfalls aus Freiburg. "Wir bekommen Einsicht in die Abläufe der EU. Und wir lernen super viele interessante Leute kennen", sagt er. Im Plenum dürfen die Teilnehmer ihre Argumente im Diskurs schärfen. Das Zuspielen rhetorischer Bälle reizt zumindest jene, die sich in tadellosem Englisch zu Wort melden können – manche Beiträge sind trotzdem erkennbar polnisch, rumänisch oder britisch eingefärbt.

Fast ein ganzes Jahr hat Inês Nascimento als Director-General in die Organisation gesteckt. "Ich wollte wissen, ob ich das schaffe", erklärt die 28-jährige Portugiesin ihre Motivation im Headquarter von Model European Union 2010.

In drei Jahren ist das Budget der Veranstaltung, die ursprünglich von Mainzer Studenten und der Studentenorganisation Beta e.V. (Bringing Europeans together Association) ins Leben gerufen wurde, auf 92 000 Euro angewachsen. Der europäische Gesetzgebungsprozess dauert im Modellablauf eine knappe Woche. "Die Abläufe wurden um den Vermittlungsausschuss gekürzt, und die Arbeit der Kommission läuft auf Sparflamme", erklärt Inês Nascimento. "Unsere Zeit ist zu knapp, um das Zustandekommen einer Richtlinie komplett durchzuspielen."

Zum Planspiel gehört es auch, dass Lots und Langer als Parlamentarier nicht ihre persönlichen Überzeugungen vertreten, sondern für ein anderes politisches Lager argumentieren. Beim zweiten großen Thema, der Rückführungsrichtlinie für illegale Einwanderer, findet Paul Langer die repressive Haltung "seines" Landes Ungarn schwer nachvollziehbar. "Aber genau das macht die Debatten spannend", sagt er. Das Projekt wird zum rhetorischen Training: "Denn es geht an erster Stelle darum, andere zu überzeugen."

EUROPAFORUM

Am Samstag, den 17. April, findet im Straßburger Palais de la Musique et des Congrès das dritte EuropaForum statt. 18 Workshops zum Thema
europäische Verantwortung werden ergänzt durch ein buntes Rahmenprogramm für Kinder und Erwachsene. Als Gäste werden Daniel Cohn-Bendit und José Manuel Barroso erwartet.

Infos: http://www.etatsgeneraux-europe.eu  

Autor: mich

Autor: Bärbel Nückles