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26. Januar 2012 00:06 Uhr

Wissenschaft

Sprachforscher: Zweierlei Alemannisch am Oberrhein?

Der Dialekt ist keine tote Sprache. Sondern er lebt und verändert sich mit der Zeit und den Umständen. Das gilt auch für das Alemannische, das am Oberrhein auf beiden Seiten des Rheins zuhause ist.

Wie insbesondere die politischen Grenzen zwischen Baden und dem Elsass die alemannischen Dialekte verändert haben, erforschen erstmals Sprachwissenschaftler der Universitäten in Straßburg und Freiburg.

Bénédicte Keck ist eine Art Aushängeschild für die junge Generation im Elsass, die noch elsässisch spricht. Die 28 Jahre alte Projektleiterin beim Straßburger Amt für die elsässische Sprache und Kultur (OLCA) präsentiert jeden Samstagmorgen im Fernsehprogramm Alsace 3 eine Kultursendung namens "Lade uff", die sich an die Dialektsprecher in der Region richtet. Beim OLCA war sie zuständig für ein Projekt, das beweisen sollte: Elsässisch ist keine Sprache von vorgestern. "Unser Dialekt ist modern und innovativ", sagt Keck vielmehr. Wer es nicht glaubt, kann eine "App" mit elsässischen Aussprachemodulen aufs Smartphone herunterladen und sich anhand von 80 Ausdrücken und Formulieren davon überzeugen: Auf elsässisch lässt es sich zeitgemäß feiern und fluchen.

Das wäre auch der Beweis, dass ein Dialekt nicht verschwindet, sondern mit der Zeit geht. Genau das ist Thema des Forschungsvorhabens, das von den Universitäten in Freiburg und Straßburg gemeinsam betrieben wird. Dabei soll es vor allem um den Vergleich des elsässischen und des badischen Alemannisch gehen. "Wir wissen jeweils sehr gut Bescheid über den Zustand in unserer Region", sagt Peter Auer, Professor für Germanische Philologie und Linguistik an der Universität Freiburg, der deutsche Leiter des Projekts. "Wir wollen durch den Vergleich den Wandel einfangen." Und dieser Wandel scheint stark, denn nie zuvor war die Dominanz der Hochsprachen so stark wie heute, bedingt durch die mediale Sprachüberflutung und die Schulbildung.

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Die Freiburger und Straßburger Wissenschaftler wollen einem alten Dogma auf den Zahn fühlen. "Noch in den 50er und 60er Jahren sind wir davon ausgegangen, dass das Elsässische Teil des deutschen, alemannischen Dialektes war und beide einen einheitlichen Sprachraum bildeten", beschreibt Dominique Huck, Professor für Dialektologie an der Universität Straßburg und dort der Leiter der auf drei Jahre angelegten Dialektstudie, die Ausgangslage. Vielleicht ergibt sich aus den neuen Erkenntnissen eine neue Landkarte der Dialektgrenzen am Oberrhein. "Das wäre aber umso erstaunlicher", meint Huck, "als der Rhein zwar im Laufe der Jahrhunderte immer wieder eine Staatsgrenze, nicht jedoch eine Grenze zwischen den Dialekten war."

Gleichzeitig untersuchen die Sprachforscher, welche mentale Kluft die Staatsgrenze und das Aufeinandertreffen zweier Hochsprachen – Deutsch und Französisch – in den Dialekten bewirkt haben. "Das historische Erbe wiegt schwer", sagt etwa Bénédicte Keck, "man hat in Frankreich keinen leichten Stand, wenn man eine Sprache deutschen Ursprungs spricht. Allzu oft wurde die Nähe zu Deutschland mit der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts vermischt."

Der Einfluss des Hochdeutschen auf das Elsässische

Als das Elsass nach dem Zweiten Weltkrieg wieder französisch war, wurde die Mehrheit der Sprecher im Elsass zweisprachig – das Hochdeutsche trat weitgehend zurück. Dominique Huck interessiert deshalb der Dialekt der heute unter 50- und 40-Jährigen und der noch jüngeren Sprecher: Hat das in der Schule gelernte Hochdeutsch das Elsässische verändert, den Dialekt dem Hochdeutschen angenähert? Beleg dafür ist, dass die elsässische Aussprache "Hünd" statt Hund oder "Gäns" anstelle von Gans nahezu verschwunden ist.

"Genauso müssen wir uns aber auch fragen", sagt Peter Auer, "was für eine Vorstellung die Menschen vom Dialekt auf der benachbarten Seite des Rheins haben." Gibt es noch das Bewusstsein eines gemeinsamen Sprachraums? Würde ein Dialektsprecher aus Colmar beim Einkaufen in Freiburg auf Alemannisch nach dem Weg fragen? "Vielleicht", mutmaßt Auer, "geht die Entwicklung heute, da es de facto keine Grenze mehr gibt, viel stärker auseinander." Interviews in je 20 Orten und Städten in beiden Regionen sollen Antworten liefern. "Am Ende wissen wir vielleicht mehr darüber", sagt Dominique Huck, "ob die geistigen Grenzen an die Stelle der politischen getreten sind."

Autor: Bärbel Nückles