Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. Februar 2010

Zur Niederkunft nach Deutschland

Im Lörracher St. Elisabethen-Krankenhaus bringen immer mehr Französinnen ihre Kinder zur Welt .

  1. Michaela Baumanns Sohn Gabriel ist als Franzose am 21. Januar in Lörrach zur Welt gekommen. Foto: Annette Mahro

LÖRRACH. Während sich die Kooperation im Gesundheitsbereich zwischen Deutschland und der Schweiz beständig weiterentwickelt, sind die Grenzen nach Frankreich noch immer höher. Insbesondere bei Geburten wächst jetzt aber auch bei Patientinnen aus dem Elsass das Interesse, über die Landesgrenzen zu gehen. So verzeichnet das in Lörrach auf Geburtshilfe spezialisierte St. Elisabethen-Krankenhaus ("Eli") eine langsam aber stetig wachsende Zahl von werdenden Müttern, die sich trotz ihrer Versicherung und ihres Wohnsitzes in Frankreich für eine Geburt in Deutschland entscheiden.

Kamen im "Eli" 2007 noch 13 Kinder zur Welt, deren Eltern ihren Wohnsitz in Frankreich hatten, waren es ein Jahr später 16 und 2009 bereits 22 Neugeborene. "Das sind keine Einzelfälle mehr", bemerkt Kurt Bischofberger, Chefarzt in der Gynäkologie und Geburtshilfe. An Gründen dafür fallen ihm einige ein, allen voran nennt er das kunden- und familienfreundliche Gesamtkonzept, das man in Lörrach vertrete. Da müsse eben alles stimmen, angefangen beim Empfang. "Die Patinnen fragen natürlich mit Recht: Wie werde ich betreut, gebe ich meine Persönlichkeit an der Pforte ab oder werde ich als Partner wahrgenommen?", so Bischofberger. Seit 20 Jahren betone er die Bedeutung der Hebammen. Deren Umgang und Ansprache der Gebärenden sei extrem wichtig und trage mit der Zeit auch über die Grenzen hinaus Früchte.

Werbung


Vor allem im Vergleich zur grenznahen südelsässischen Versorgung haben die Lörracher mit ihrem Perinatalzentrum mit Intensivmedizin einen großen Vorteil. Hier können Frühgeborene oder Kinder, die mit gesundheitlichen Problemen zur Welt kommen, behandelt werden. Für Mütter und Väter gibt es zusätzlich die Möglichkeit, auch stationär bei den Kindern zu bleiben. Kommt heute dagegen im Elsass ein Frühchen zur Welt, muss es in Spezialkliniken in Mulhouse oder Straßburg verlegt werden. Zwar hat die St.-Louiser "Clinique des trois frontières", die keinen Kinderarzt beschäftigt, seit Anfang 2009 ein Abkommen mit dem Universitätskinderspital beider Basel (UKBB), das auf Neu- und Frühgeborene spezialisierte Neonatologen über die Grenze schickt. Im Notfall aber auch Kinder in die Schweiz zu bringen, scheiterte bislang am französischen System. Allerdings, so ist aus Basel zu hören, beginne auch hier ein Umdenken.

Sind in der Schweiz nicht zuletzt die Kosten ein Problem, übernehmen französische Krankenkassen Behandlungen auch im günstigeren EU-Ausland nur im Ausnahmefall. "Wer nicht in Deutschland versichert ist", erklärt die stellvertretende Verwaltungsleiterin am "Eli" Heike Roese-Koerner, "dem schicken wir deshalb grundsätzlich die Rechnung privat zu. Mit der französischen Kasse müssen sich die Versicherten selbst einigen." Selbstverständlich ist das deutsche DRG-Fallpauschalensystem nicht ohne Weiteres auf die Systeme der Nachbarn anzuwenden. Pauschalen könnten gerade bei Geburten aber ohnehin kaum angesetzt werden, erklärt Roese-Koerner, da sie eindeutig zu viele Unwägbarkeiten mit sich brächten. Die französischen Kassen reagierten ihres Wissens nach unterschiedlich. Denkbar sei auch, dass Patientinnen, die Kosten selbst tragen müssten.

"Das wäre es mir aber wert gewesen", sagt Michaela Baumann aus Michelbach-le-Haut, die nach den Erfahrungen mit ihrem ersten Kind, das nach der Geburt nach Mulhouse verlegt wurde, ihren zweiten Sohn Gabriel im Januar lieber im "Eli" zur Welt brachte. Noch wartet die mit einem Franzosen verheiratete Deutsche auf die Rechnung dafür. Ihre französische Kasse hatte für eine verbindliche Zusage um einen Kostenvoranschlag gebeten, wird aber auch so wohl zumindest einen Teil der Kosten übernehmen. Michaela Baumann arbeitet in der Schweiz, weshalb sie nicht, wie das Gros der Franzosen über die französische Grundversorgung Sécurité Sociale versichert ist, sondern privat. Eine Voraussetzung für die Kostenübernahme wäre das aber nicht.

Für das "Eli" das sich unter anderem auf Geburtshilfe und Perinatalmedizin, das heißt den Bereich kurz vor und sieben Tage nach der Geburt, spezialisiert hat, ist die Nachfrage aus Frankreich nicht zuletzt eine Frage der Standortsicherung. Schließlich gingen ja auch immer noch viele Patienten mit der Begründung nach Basel, dort sei der Service einfach besser, sagt Kurt Bischofberger. Auch dem arbeite man in Lörrach längst kundenorientiert entgegen, wohingegen die französischen und deutschen Krankenhäuser oft noch mehr als der Rhein trenne. Dass ein grenzüberschreitendes Patientenkarussell entsteht, dürfte dabei eigentlich in niemandes Sinne sein, spezialisierte Schwerpunkte zu setzen hingegen schon.

Autor: Annette Mahro