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10. Januar 2011
Der alte "Zottler" wurde neu eingekleidet
Vor 100 Jahren führte die "Reformationsfasnet" Änderungen bei Narrengestalt und Brauchtumsablauf ein / 1911 auch Premiere für Fackelumzug und Teufelsschuttig.
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Das älteste bekannte Foto der Schuttig aus dem Jahr 1905: „Wie süd-amerikanische Indianer bei einem Maskentanz“, schrieb dazu 1911 Fritz Pfaff. Foto: Verein
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Ein Bild aus dem Jahr 1920: Vorne zwei Schuttig mit Villinger Larven. Diese Larven verschwanden dann aber bald wieder aus der Elzacher Fasnet. Foto: Buch: Elzacher Fasnet in alten Bildern
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Die „Reformation“ war ein Jahr später selbst ein Thema, das die Narren beim Taganrufen aufs Korn nahmen (Foto: Auszug aus dem Narrenbuch). Foto: Arno Schurgelies
ELZACH. Im alten Narrenstädtchen Elzach ist noch die "Revolutionsfasnet" in Erinnerung, als sich die Schuttig 1920 gegen das allgemeine Fasnachtsverbot wehrten. Für Geschichte, Entwicklung und Gestalt vom Elzacher Narrenbrauchtum bedeutsamer dürfte wohl die "Reformationsfasnet" gewesen sein. Sie war vor nun 100 Jahren. Daran und mit dem Fortgang der Elzacher Fasnet erinnert deshalb ab nächstem Samstag eine Ausstellung der Narrenzunft.
Elzach vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war fortschrittlich: Schon 1888 versorgte erstmals eine Wasserleitung die Stadt, im selben Jahr wurde ein Elektrizitätswerk eingerichtet, 1896 eine Kanalisation, 1909 eine neues Rathaus und 1914 ein Krankenhaus gebaut. Ab 1901 fuhr die Elztalbahn bis ElzachUnd nun, 1911, auch noch ein "neuer" Schuttig? Na, das nicht, aber die Überraschung war doch groß, als beim Fackelumzug vor 100 Jahren erstmals einige Schuttig in Erscheinung traten, die sich von den bisher gewohnten auffallend abhoben: Statt Papierbollen auf dem Schuttighut rote Wollbollen, auch der Anzug aus einheitlich rotem Filz. Bis dahin kannte man nur die Schuttiggewänder mit fingerlangen Zotteln aus alten, roten, rötlichen oder braunen Frauenunterröcken oder Lumpen, auf einen alten Anzug genäht. Denn kosten durfte so ein Schuttig möglichst nichts. Und wurde er richtig nass, dann rollten sich die Zotteln, das Narrengewand sah noch "bärenmäßiger" aus. So wurde damals der Schuttig treffendoft nur "Zottler" genannt. Auf dem Schuttighut waren die wenigen Schneckenhäuschen lose mit Schnüren befestigt, so dass es beim Springen rasselte. Die Papierbollen am Hut waren in feine Streifen geschnittene vollgeschriebene Schulhefte.
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Außer den "schönen" neuen roten Schuttig gab es vor 100 Jahren noch zwei Premieren: Zum ersten Mal gab es 1911 einen Fackelumzug und ebenfalls zum allerersten Mal trat der schwarze Teufelsschuttig in Erscheinung.
Weshalb wurde der Schuttig nun so verändert, dass das Jahr 1911 als "Reformationsfasnet" in die Elzacher Narren-Annalen einging? Vor und um die Jahrhundertwende hielten in Elzach die "modernen Zeiten" Einzug (siehe oben). Mancher "aufgeklärte Bürger" hatte mit dem "Aberglauben" und "Heideplunder" der alten Fasnetbräuche nichts mehr am Hut. Dies galt nicht nur für Elzach, sondern für viele Orte; mancher Fasnetbrauch und Narrenfigur verschwand damals wohl für immer. Sogar in alten schwäbisch-alemannischen Narrenstädten rückte "Prinz Karneval" vor. In Elzach offenbar nicht – dafür war der Ort wohl zu klein und ebenso die Zahl der "Bildungsbürger. Wobei jene zum Teil aber schon die Saalfasnacht der Gesangvereine vorzogen und vom alten derben Schuttigtreiben nicht mehr viel wissen wollten, sondern den "Zottler" als "Kulturschande" betrachteten.
Ein guter Teil der Bevölkerung hielt aber dem Schuttig die Treue. Mit einher ging damit aber eine Entwicklung, die als "Truelifasnet" bezeichnet wurde – grob, derb, wild ging's her; mancher Narr war nur ein trinkfester Kinderschreck. Auch die verschiedenen Gruppen waren sich nicht immer einig.So wird berichtet, dass in manchen Jahren das Taganrufen mehrfach abgehalten wurde und einmal bis zum Mittag dauerte. Somit können die Motive der "Reformer-Schuttig" wohl so gedeutet werden, dass sie durch die "Verschönerung" der Montur auch mehr Ordnung und Einigkeit in die Fasnet bringen wollten und das Bild des Schuttig aufpolieren wollten, der alte Narr sollte gesellschaftsfähig bleiben oder werden.
Dies gelang ihnen auch bald, auch wenn sie im darauffolgenden Jahr selber "in die Fasnet" kamen. Beim Taganrufen 1912 wurde ein Stückle verlesen mit dem Titel: "Elzachs Entwicklung" oder "Es will halt größer werden" , in dem es heißt:
".....Alte Sitte, alter Brauch
ändert man in Elzach auch.
Der alte Narr voll Dreck beschmutzt,
der stoht jetz do, gonz fein geputzt.
Und aus dem Schuttig, aus dem alte, wird später sich ä Puppe g'stalte.
M’r sieht halt schu om ganze Lebe,
dass Elze mueß e Großstadt gäbe".
Aus Elzach wurde keine Großstadt und aus dem Schuttig zum Glück auch keine Puppe. Doch setzten sich die "nobleren" Schuttig allmählich durch, bis schließlich keiner mehr ein alter, armer "Zottler" sein wollte. Die von den "Reformern" aus Villingen "abgeguckten" ebenfalls neu eingeführten "freundlichen" Larven aber verschwanden als verspottete "Honsili-Schuttig" bald wieder.
Doch der Fackelumzug und der Teufelsschuttig gehören seit jener denkwürdigen Fasnet 1911 zum festen Bestandteil der Fasnet in Elzach. Wobei der allererste Teufelsschuttiganzug ein ebenso kurioses wie trauriges Schicksal erlitt:. Im Zweiten Weltkrieg steckte ihn der Elzacher Bürgermeister persönlich in den Kleidersack für das Winterhilfswerk, für welches warme Kleider gesammelt werden mussten für die deutschen Soldaten an der Ostfront im Kriegswinter 1941/42.
Autor: Bernd Fackler


