Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. Januar 2016

Einmal im Leben nur kann man in Elzach ein Taganrufer sein

Die jüngsten Mitglieder der Narrenzunft spielen an der Fasnet eine der wichtigsten Rollen / Ohne Leseprobe geht es nicht / Und bald sind sie noch "Schiebeschläger".

  1. Taganrufers Tagewerk in der Alfing zwischen Schuttigwagen und Zunftkutschen: 1000 Fackeln für den Fackelzug vorbereiten. Foto: Armin Becherer

  2. Horch, wie man’s richtig betont: Tag-anrufer und Narrenrat beim Probelesen im „Löwen“. Foto: Narrenzunft

  3. Beim Taganrufen. Foto: Daniel Fleig

ELZACH. Wer 18 Jahre alt ist, für den gab und gibt es – früher noch mehr als heute – allerhand neue Rechte und Pflichten: Volljährig, Möglichkeit zum Führerschein, Pflicht zu Bundeswehr oder Zivildienst. Für Elzacher galt und gilt sogar immer noch ein bisschen mehr: Denn die im Vorjahr 18 Jahre alt Gewordenen gehören zum "Taganruferjahrgang" bei der darauffolgenden Fasnet. Das heißt: Sie dürfen – als Taganrufer oder Schuttig – bei allen Umzügen mit an der Spitze laufen. Und beim Taganrufen selbst, in aller Frühe am "Fasnetmändigmorge" spielen sie neben dem Nachtwächterpaar die Hauptrollen: Sie verlesen die "Fasnetstückli" – also Gereimtes über Missgeschicke, die Elzacher Bürgern das Jahr über passiert, den Narren zu Ohren gekommen und vom Narrenrat in Verse gesetzt worden sind. Viele Elzacher sind immer ganz gespannt, wer dieses Jahr "in d’Fasnet kunnt" – und es kommt ab und zu vor, dass es die "Wunderfitzigsten" dann grad selber trifft.

Man sollte Alemannisch können

Werbung


Damit aber auch jeder versteht, worum’s geht, müssen die Taganrufer nicht nur gut bei Stimme sein, sondern auch die richtige Betonung beherrschen sowie Dialektwörter lesen können, denn in den "Fasnetstückli" wechseln sich Hochdeutsch und Alemannisch lustig ab. Damit dies alles klappt, lädt der Narrenrat die Taganrufer zur Leseprobe ein, um die "richtigen" Leser herauszufinden und die übrigen Aufgaben über die Fasnet an den Umzügen und beim Taganrufen zu verteilen. Dies geschah bisher im Gasthaus "Krone-Ladhof", wo das Taganrufen seit jeher beginnt. Wegen Eigentümerwechsels dort war es diesmal aber im "Löwen". Wie jedes Jahr, dauerte es ein wenig, aber nach und nach fanden sich in diesem "Training" für die "Stückli" vier stimmkräftige Leser und ein Ersatzmann.

Und auch zuvor gab’s was zu tun für die Taganrufer, die seit der Hauptversammlung vor zwei Wochen gleichzeitig jüngste Mitglieder in der Narrenzunft sind: Im Zunfthaus in der Alfing hieß es zunächst Fackeln nageln, wie jedes Jahr rund 1000 Stück für den Fackelumzug – bei der Fasnachtskulisse zwischen Kinderschuttigwagen und Zunftkutsche war dies wohl weniger Arbeit als eher Vergnügen. Danach wurden die Taganruferkleider mit Hemd, Tschako, Tuch und Lederbrillen verteilt – auch als Taganrufer bleibt in Elzach der Narr möglichst unerkannt.

Das Taganrufen – ein Art "Narrengericht" – ist der älteste noch ausgeübte Brauch der an Traditionen reichen Elzacher Fasnet. Erznarr und Ehrenbürger Josef Weber fand in städtischen Ratsproto-kollen schon um 1740 einen Beleg dafür. An über zehn Stationen im Städtle werden die "Fasnetstückli" verlesen, zuvor singt stets der Nachtwächter sein sonores Lied. Drum herum stehen die Schuttig, von Station zu Station spielt die Stadtmsuik den Alten Fasnetmarsch. Los geht es um fünf Uhr morgens –so kann man sich denken, dass das Taganrufen oft ein wahrlich "eiskalter Brauch" ist – bleibt das Wetter so, dann auch in diesem Jahr.

Wenn für die vielen hundert Schuttig und anderen Elzacher Narren die Fasnet dann endgültig vorbei ist, geht es für die jüngsten Zunftmitglieder grad erst richtig los: Denn dann werden aus den Taganrufer die Scheibenschläger – ihr nächster und letzter großer Tag ist am Sonntag Lätare, also vier Wochen nach dem "Fasnetsunndig", wenn die großen Scheibenfeuer lodern.

Autor: Bernd Fackler