Elzach gründet eine Nahwärmegenossenschaft

"Wärme verantwortungsvoll in Bürgerhand"

Nikolaus Bayer

Von Nikolaus Bayer

Mi, 05. August 2015 um 12:57 Uhr

Elzach

57 Personen treten der neugegründeten Nahwärmegenossenschaft bei. Als Investitionsbedarf der Genossenschaft in den nächsten zwei Jahren, wurde ein Betrag von rund 2,34 Millionen Euro genannt.

ELZACH. "Wärme verantwortungsvoll in Bürgerhand", unter diesem Motto wurde in Elzach eine neue, zukunftsweisende Form flächendeckender Versorgung eingeläutet. Nachdem über die Funktion des Netzbetriebs mehrfach informiert wurde (BZ berichtete am 20. Mai, 10. Juni), wurde jetzt die Nahwärmegenossenschaft Elzach gegründet. 57 Bürgerinnen und Bürger schlossen sich im Haus des Gastes mit einer gemeinsamen Satzung zusammen. Es wurden Leitungsgremien bestimmt, die dafür Sorge tragen, dass Netzwärme ab Frühjahr 2017 in einem ersten Verteilungsgebiet fließen kann.

Peter Haiß und Martin Wisser stellten den rund 100 Anwesenden zunächst Gründungskonzept und mittelfristige Finanzplanung vor, Karl Weber erläuterte den Satzungsentwurf. Bürgermeister Roland Tibi, der zum Versammlungsleiter gewählt wurde, dankte ihnen wie auch Nikolaus Dufner, dem Geschäftsführer der Holzwärme Elzach-Biederbach (HEB), für die "Riesenarbeit", die sie als treibende Kräfte des Projekts schon geleistet haben.

Die Nahwärmegenossenschaft, die vornehmlich regenerative Energiequellen nutzen wird, wird durch zwei schon vorhandene und drei geplante Heizungsanlagen den Vorteil hoher Versorgungssicherheit haben. Durch Verwendung von Hackschnitzeln und dezentrale Energiegewinnung bleibt die Wertschöpfung im Ort. Mitglieder, die an das Netz anschließen, zahlen einen – vergleichsweise niedrigen – Anschlussbeitrag und benötigen keine eigene Heizungsanlage mehr. Sie ersparen sich die Kosten für den bei Heizungstausch nötigen regenerativen Deckungsanteil von 15 Prozent (BZ berichtete am 31. Juli) und erhalten eine wartungsarme, günstige Versorgung.

Als Investitionsbedarf der Genossenschaft in den nächsten zwei Jahren, wurde ein Betrag von rund 2,34 Millionen Euro genannt. Dieser, so die Planung, soll durch die Genossenschaftseinlagen von 232000 Euro, Anschlussbeiträge von 763000 Euro und ein KfW-Darlehen über 1,42 Millionen Euro gedeckt werden. Dessen Tilgung wird ab 2018, wenn keine weiteren Investitionen mehr anstehen, durch dann laufende Einnahmen aus dem Geschäftsbetrieb finanziert werden.

Die Genossenschaft wird satzungsgemäß – und vom Gesetz so vorgeschrieben – nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sein. Überschüsse müssen entweder für Ausschüttungen und eine Senkung des Wärmepreises verwendet werden. Zu bestimmen haben darüber die Mitglieder in der Generalversammlung, in der jedem Einleger eine Stimme zusteht und – bis auf Satzungsänderungen – mit einfacher Mehrheit entschieden wird. Als einmalige Genossenschaftseinlage wurden 2000 Euro pro Mitglied festgelegt, wobei beitretende HEB-Mitglieder wegen bereits geleisteter Investitionsbeiträge einen Nachlass erhalten. Eine Nachschusspflicht wurde ausgeschlossen, so dass jedes Mitglied nur mit seiner Einlage haftet.

Bei der anschließenden Vorlage des Satzungsentwurfs bildete sich vor dem Podium eine lange Schlange. Insgesamt 57 Personen setzte ihre Unterschrift darunter und zeichneten in einer Beteiligungserklärung ihre Einlage. Sie statteten ihre neue Genossenschaft damit gleich bei Gründung mit einem Startkapital von 114000 Euro aus. Peter Haiß zeigte sich "positiv überrascht" über diese Resonanz und äußerte Zuversicht, auch die kalkulierte Mindestzahl von 83 "Genossen" bald zu erreichen.

Nach diesem Gründungsakt wählte die neue Genossenschaftsversammlung – als erste Handlung – den fünfköpfigen Aufsichtsrat. Von sechs Kandidaten wurden in geheimer Abstimmung Roland Tibi, Johannes Becherer, Gernot Limberger, Karl-Heinz Disch und Berthold Trenkle berufen. Das Gremium zog sich danach zurück, wählte unter sich Bürgermeister Tibi zum Aufsichtsratsvorsitzenden und "bestimmte", wie es die Satzung vorsieht, den Vorstand. Dieser besteht für die kommenden drei Jahre aus Peter Haiß, Karl Weber, Martin Wisser und Nikolaus Dufner. Ihnen obliegt die Geschäftsführung, die sie ehrenamtlich ausüben werden.

Karl Weber beglückwünschte alle Mitglieder zur "Gründung ihrer Firma". Danach erteilte die Versammlung ihre Zustimmung zum Prüfungsrecht durch den Genossenschaftsverband, zur vorläufigen Geschäftsabwicklung des Vorstands bis zum Registereintrag und zur Ausschöpfung der Kreditobergrenze bis 1,5 Millionen Euro. Peter Haiß skizzierte die nächsten Vorstandsaufgaben. Diese bestehen in weiterer Kundenwerbung, der Aufnahme des Fremdkapitals, den Vertragsregelungen mit HEB und Stadt Elzach über die Nutzung von Hackschnitzelanlage und Blockheizkraftwerk an der Kläranlage. 2016 folgen dann Planung, Auftragsvergaben und Bau des Versorgungsnetzes, im ersten Abschnitt bis etwa in den Bereich Kirchplatz-Weyergassen. Der genaue Leitungsverlauf hängt aber von der Anschlussdichte ab und steht noch nicht fest. Für spätere Beitritte kann die Versammlung über ein zusätzliches Eintrittsgeld entscheiden. Diese Regelung, so Karl Weber, gelte allerdings nicht für einen zweiten Bauabschnitt im Elzacher Städtle, der mit wachsender Entfernung zu den Heizzentralen auch technisch anderer Lösungen bedarf. Aufsichtsratsvorsitzender Roland Tibi gratulierte am Ende den "Genossen", dass sie "diesen bequemen Weg der Wärmeversorgung gewählt haben" und kündigte weitere Mitgliederwerbung an, "um die Wirtschaftlichkeitsgrenze der Genossenschaft bald zu passieren."