Widerstand gegen Windkraft im oberen Elztal

Nikolaus Bayer

Von Nikolaus Bayer

Do, 29. Oktober 2015

Elzach

Bürgerinitiative "Gegenwind" veranstaltete Info-Abend / Kritik am Planungsverfahren / "17 mögliche Anlagen sind zu viel" .

ELZACH. Der Widerstand gegen den Bau von Windkraftanlagen wächst. In Elzach formierte sich im Juni die Bürgerinitiative "Gegenwind – für das obere Elztal". In ihr vertreten sind die Elztalflieger, die um ihre Flugzone am Gschasi fürchten, sowie Mitglieder des Heimat- und Landschaftspflegevereins Yach, die um ihre geschützte Umgebung besorgt sind. Das Spektrum der anfangs 20 Aktiven reicht von maßvoller Nutzung bis zu vollständiger Ablehnung der Windkraft. Bei einem Informationsabend im Pfarrzentrum hatte die Initiative jetzt ihren ersten Auftritt.

Rund 150 Zuhörer, darunter viele Windkraftgegner, erlebten eine zeitweise sehr emotionale Debatte, die Heiko Haumann, selbst Mitglied der Initiative, moderierte. Hauptangriffspunkte waren die im Juni vom Gemeindeverwaltungsverband (GVV) beschlossenen acht Konzentrationszonen, in denen bis zu 17 Windräder entstehen könnten. Die Initiative, so ihr Sprecher Jürgen Herr, befürchtet von den Anlagen, Zuwegungen und Stromableitungen noch nicht absehbare Gefährdungen seltener Tierarten, Schädigung der Bodenschutzfunktion vom Wald, nachlassende Attraktivität für den Tourismus und Zerstörung unversehrter Landschaft mit ihrer Klimaschutzfunktion. Der Gemeinde Winden warf er vor, direkt an der Grenze zum Naturschutzgebiet "Yacher Zinken" mehrere Windräder zu planen. Durch deren Schattenwurf und Lärm sei eine Belastung vom Rauchengrund bis zur neuen "Sonnensiedlung" zu erwarten, ebenso Wertverlust von Immobilien und Gesundheitsrisiken. Dem Land hielt er vor, um Windkraftansiedlung nicht zu gefährden, die Lärmschutzabstände zu Wohngebieten auf 700 Meter verkürzt zu haben, was der GVV dann noch auf 500 Meter verschärft habe.

Um diese Kritik zu untermauern, waren auch vier Gastredner gekommen. Sie vertraten Positionen, wie sie bei der Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwalds schon mehrfach zu hören waren (die BZ berichtete), jetzt auch in Elzach. Der Glottertäler Allgemeinmediziner Bernhard Kuny verwies auf angebliche Gesundheitsrisiken durch Infraschall, nicht hörbare Geräusche im Niederfrequenzbereich, die sich als Konzentrations-, Schlaf- oder Herzrhythmusstörungen auswirken könnten. Eine neue Langzeituntersuchung sei gerade im Gange. Demgemäß forderte er Vorsorgeabstände zu Wohngebieten von 1500 Metern.

Konrad Saum, ehemaliger Landwirt auf der Platte, berichtete von seiner Erkrankung und Missbildung von Tieren, deren Ursache er im Lärm und Infraschall von Windrädern in direkter Hofnähe sieht.

Bernhard Feser aus Glottertal teilte den Elzachern mit, dass man Windkraft zur Erhöhung des regenerativen Anteils in Südbaden gar nicht brauche. 60 Prozent der Stromproduktion werde aus den Wasserkraftwerken an den Rheinschleusen gewonnen. Wind sei daher nur eine Energieform für den Norden.

Der Freiburger Ornithologe Frank Wichmann wies schließlich trotz Tötungs- und Vertreibungsverbots im Artenschutzgesetz auf eine hohe Dunkelziffer beim Vogelschlag durch Windräder hin. Zum Ausschluss seien länger dauernde Flugbeobachtungen als beim Flächennutzungsplan (FNP) nötig, was für Baugenehmigungen aber immer nachgeholt werde.

Umweltprüfung für den Standort Gschasi

Bürgermeister Roland Tibi, mehrfach zur Stellungnahme gezwungen, rechtfertigte sich mit einem korrekt abgelaufenen Verfahren. Bei drei Offenlagen habe es genügend Gelegenheit zur Bürgerbeteiligung gegeben. Risiken wie Schattenwurf oder Infraschall und Abstandsregeln, weil standortabhängig und zur Baugenehmigung gehörend, seien in der Phase noch nicht entscheidungsrelevant gewesen. Ausgiebig geprüft wurde im Plan aber die Einhaltung des Artenschutzes. Dadurch sind die möglichen Standorte am Gschasi erst nach vorne ins Sichtfeld gerückt. Der Bürgermeister wehrte sich gegen die Behauptung acht Meter breiter Zuwegungen: Es seien nur vier Meter notwendig. Auf die Eigentumsfrage angesprochen, teilte er mit, dass die Hälfte der Projektrechte der Gemeinde gehören werde. Dazu kommen kommunale Einnahmen aus örtlicher Wertschöpfung, was für die strukturschwachen Gemeinden im oberen Elztal eben bedeutsam sei. Etwa 150 Grundeigentümer werden zudem aus einem Pachtpool profitieren.

Klaus Hämmerle, Bürgermeister in Winden, hob die Notwendigkeit des Ausbaus der Windkraft zur langfristigen Reduzierung fossiler und atomarer Stromerzeugung hervor. Auch die Behauptung einer Versiegelung in den Wäldern ließ er nicht gelten. Er zeigte sich enttäuscht über die "Einseitigkeit der Vorträge". Heiko Haumann hielt dem entgegen, in keiner Offenlage mit seinen Stellungnahmen berücksichtigt worden zu sein. Für die Bürgerinitiative forderte er daher jetzt Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen Verfahrens für jede einzelne Anlage und gegebenenfalls den Verzicht auf ihren Bau. Auch möchte man bei der Vergabe und Bewertung der Gutachten einbezogen werden. Bürgermeister Tibi sagte eine UVP zumindest für die Fläche Gschasi zu; dies sei trotz der erst ab 20 Anlagen bestehenden Pflicht schon im FNP vorgesehen worden. Weiter appellierte Heiko Haumann, solange Untersuchungen zum Infraschall noch liefen, also bis 2017, Planung und mögliche Bauanträge ruhen zu lassen. Von der Initiative bevorzugt werden aber andere erneuerbare Energiearten, wie Photovoltaik und Holz, sowie Energieeinsparung. Auf die Frage eines Gastredners, ab welchem Bevölkerungsvotum der Bürgermeister zum Verzicht auf Windkraft bereit sei, intervenierte Haumann – allerdings mit dem Hinweis, dass es andere Wege gebe.