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29. November 2016

"Auch Opfer können nicht reden"

Myrthe Dreyfuss-Kahn, deren Großeltern 1939 in die Schweiz emigrierten, berichtet von ihren Erinnerungen an Emmendingen.

  1. Myrthe Dreyfuss-Kahn, die Enkelin von Hugo und Jenny Weil, ehemalige Emmendinger Juden, erzählte von ihren Kindheitserinnerungen Foto: Markus Zimmermann

EMMENDINGEN. "Ich hatte ein angenehmes Schicksal", so Myrthe Dreifuss-Kahn. Die 88-jährige Baslerin hat deshalb "Hemmungen zu sagen, ich bin Zeitzeugin". Als solche war sie aber vom Verein für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen am Sonntag eingeladen zu berichten. Und das gelingt ihr im fast vollen Teschemacher-Saal im Simon-Veit-Haus durchaus eindrucksvoll.

"Meine Großeltern waren nicht mehr die gleichen Personen", erinnert sich Myrthe Dreyfuss-Kahn an den 6. Februar 1939. Kurz vor ihrem elften Geburtstag waren Jenny und Hugo Weil, ihre in Emmendingen lebenden Großeltern, von denen sie als "Wunderkind in den Ferien in Emmendingen verwöhnt worden war", nach Basel gekommen. Großmutter hatte plötzlich Falten um den Mund, sie waren verschüchtert, konnten nicht erzählen, berichtet sie und stellt fest: "Nicht nur die Täter schweigen, auch Opfer können nicht reden".

Ihr Großvater war nach der Pogromnacht inhaftiert worden, war zehn Tage in Dachau, wo er sich Erfrierungen zuzog. Er kam frei, weil Johanna Kahn, die Tochter von Hugo und Jenny Weil, in Windeseile die Ausreise nach Basel ermöglicht hatte. Unter der Voraussetzung einer Bürgschaft war dies möglich geworden, was ihre Mutter mit dem Satz, "ich habe gelernt, dass Geld Leben retten kann", kommentiert habe.

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Dass es soweit kommen musste, erlaubt einen Blick auf das Leben in der jüdischen Gemeinde von Emmendingen. Bis 1937 war die Enkeltochter immer wieder bei ihren Großeltern, genoss das große Anwesen mit dem großen Garten an der Karl-Friedrich-Straße 7. "Großmutter hatte Hühner, stopfte Gänse", erinnert sich Myrthe Dreyfuss-Kahn. Auch an Besuche in der Synagoge erinnert sie sich, wo Frauen zwar auf der Empore, getrennt von den Männern saßen, jedoch im Chor sangen. In einer orthodoxen Gemeinde wäre das undenkbar gewesen.

Das unbeschwerte Leben änderte sich, als sie fünf Jahre alt wurde. "In Deutschland ist jetzt ein ganz böser Mann Chef der Regierung, der mag uns Juden nicht", ermahnte sie ihr Vater, gut aufzupassen, was sie in Emmendingen sage. "Meine Mutter hielt meinen Großeltern Vorträge", berichtet sie. Man bleibe nicht in einem Land, in dem man verfolgt wird, habe sie auf die Ausreise gedrängt. Doch als Geschäftsleute seien diese anders gebunden gewesen als Akademiker, seien etabliert gewesen und "sie gingen den Weg des geringsten Widerstandes". Erst 1937 erfolgte ein Sinneswandel, wurde die Emigration nach Amerika in die Wege geleitet, 1938 Geschäft und Haus verkauft. Zu spät für Amerika, nicht jedoch für die Schweiz – "mit zehn Mark in der Tasche und einem J im Pass". Emigranten, staatenlos, seien ihre Großeltern gewesen, denn die kamen ja freiwillig, mussten im Gegensatz zu Flüchtlingen nicht unterstützt werden, erinnert Myrthe Dreyfuss-Kahn an eine keineswegs von Willkommenskultur geprägte "Taktik der Schweiz".

Nach dem Krieg sei sie oft mit der Mutter nach Emmendingen gekommen. "Mama hatte Schulfreundinnen hier", erklärt sie. "Meine Großeltern hätten ihre helle Freude daran, könnten sie mich jetzt sehen", schlägt Myrthe Dreyfuss-Kahn den Bogen in die Gegenwart. Für sie ist es eine "Riesenfreude", dass es hier wieder eine so gut funktionierende jüdische Gemeinde gibt, erklärt sie und betont: "Das spricht für die Mitglieder, spricht aber auch für die Stadt".

Autor: mzd