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14. Februar 2012

"Das Licht kann nur genießen, wer auch die Dunkelheit kennt"

BZ-INTERVIEW mit Sigrid Muselewski, Gründerin des Vereins Familien in Not, der bei den Emmendinger Gesundheitstagen im Blickpunkt stehen wird.

  1. Das letzte Weihnachten für Marius und Sigrid Muselewski. Foto: privat

EMMENDINGEN. Bei den Emmendinger Gesundheitstagen am 14. und 15. April in und um die Fritz-Boehle-Halle wird kein Eintritt verlangt. Stattdessen sollte jeder Besucher einen Obolus in die Spendenkasse von Familien in Not (FIN) legen. BZ-Mitarbeiterin Gerda Oswald sprach mit Sigrid Muselewski über FIN und wie der Verein bei Gesprächen während der tödlichen Krebserkrankung ihres Sohnes Marius (13) in der Familie entstand.

BZ: Was ist die Geschichte hinter der Vereinsgründung?

Sigrid Muselewski: Unser Sohn Marius war ein absoluter Leistungssportler und liebte Fußballspielen über alles. Im September 2009 klagte er über ein komisches Gefühl im Bein, wollte aber unbedingt noch ein Spiel mitmachen, bevor wir zum Arzt gehen. Gerade so, als hätte er geahnt, dass dies sein letztes Fußballspiel sein wird. Die Diagnose nach den Untersuchungen war niederschmetternd: Ein schnell wachsender und aggressiver Tumor mit einer Länge von 17 Zentimetern im Rückenmark. Das Fass war bereits am überlaufen und von einer Stunde auf die andere veränderte sich unser Familienleben komplett. Nach einer Operation war er gelähmt und das verabreichte Cortison verursachte eine enorme Gewichtszunahme. Wir als Familie mussten in den letzten Lebensmonaten mit anschauen, wie nahezu stündlich irgendwelche Funktionen ausfielen. Es gab keine Heilung und nach acht Monaten verstarb unser Sohn in unseren Armen bei uns daheim.

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BZ: Wie schaffte es die Familie, in dieser schlimmen Zeit auch noch Gedanken an eine Vereinsgründung zu verschwenden?

Muselewski: Das war eine schlimme Zeit, das stimmt. Von heute auf morgen war alles grundlegend anders. Wir wollten und haben die verbleibende Zeit intensiv miteinander verbracht. Ich hatte als Mutter schon immer eine sehr gute Beziehung zu Marius. Wir waren uns in vielem ähnlich. Wir sind beide während der kurzen Zeit dieser acht Monate ganz offen und ehrlich miteinander umgegangen und haben Probleme offensiv angepackt. Da gab es eine ganz tiefe Verbundenheit, die wir sonst vielleicht nicht miteinander erlebt hätten. Ich nahm in dieser Zeit auch meine Umwelt völlig neu wahr. In etwa so, dass man das Licht nur dann wertschätzen und genießen kann, wenn man auch die Dunkelheit erlebt hat. Wir brauchten jedoch die Ansprache und die Hilfe der Mitmenschen. Von jetzt auf nachher hatte sich unser Leben verändert. Wir wollten viel verbleibende Zeit mit Marius erleben und mussten trotzdem den Alltag noch bewältigen. Hilfsmittel beantragen, Arztgespräche, ständiges Organisieren und die Mühlen der Bürokratie rauben Zeit. Eine Zeit, die man mit seinem todkranken Kind verbringen will. Da ist eine Familie ganz schnell an ihren Grenzen. Marius war es, der in einem Gespräch anregte, dass unsere gewonnenen Erfahrungen, an andere betroffene Familien weitergegeben werden sollten. Er gestaltete zu Beginn die Internetseiten sogar noch mit.

BZ: Ein Vermächtnis von ihm?

Muselewski: Er wollte schon, dass etwas von ihm bleibt. Oft hat er miterlebt, wie ich rumtelefonierte, um irgendwas bei Krankenkassen oder Behörden bewilligt zu bekommen. Wir helfen als Verein unbürokratisch und schnell all den Familien, die nur noch kurze Zeit mit ihrem Kind haben. Da sind auch finanzielle Hilfen mit dabei, Betreuung der Geschwister, Sofortmaßnahmen, einkaufen, kochen und Ähnliches. Ja, für meine Familie und den Verein ist das schon das Vermächtnis von Marius.

Autor: go