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13. Oktober 2017

Die Bibel hat es in sich

Kirchenkabarettist Ingmar Maybach reißt sein Publikum in der evangelischen Stadtkirche mit.

  1. Ingmar Guildo Alexander, Maybachs Alter Ego: Mit Bibelversen zum Schlagererfolg. In der Stadtkirche hat’s geklappt. Foto: Sylvia-Karina Jahn

EMMENDINGEN. Fit für weitere 500 Jahre Reformation soll die Kirche werden– mit diesem Ziel zieht der Pfarrer und Kirchenkabarettist Ingmar Maybach in die evangelische Stadtkirche ein. Aber wie wird die protestantische Kirche fit?

Also, erst mal muss sie von den Katholiken lernen. Und da ist nicht die neue Pfarrerin, "Kryptokatholikin" Irene Leicht, gemeint. Sondern der Personenkult zum Beispiel. Dafür lässt Maybach sein rund 100-köpfiges Publikum gleich mal üben. Und er spart nicht mit ungewöhnlichen Sichtweisen: "Was Luther begann, hat Springer vollendet." Wie das? Nun, was war die Schlagzeile "Wir sind Papst" anderes als das vom Reformator im 16. Jahrhundert postulierte Priestertum aller Gläubigen?

In der Bibel steckt eben ungeheuer viel Potenzial – wenn man sie mit Ingmar Maybach liest. Ein Beispiel gefällig? Matthäus 18, Vers 21 bis 35, das Gleichnis vom gierigen Schalksknecht. "Das ist das Mittelalter-Wort für Vorstandsvorsitzender", übersetzt der Theologe frei und erzählt die Geschichte von dem Banker, der noch im Winter Korn hat, in seiner Not vom Herrn gerettet wird, aber dem erkrankten Häuslebauer keinerlei Stundung gewährt. Die Reaktion des Herrn: "Mach dich vom Acker, Mann!"

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Ja, die Bibel hat es in sich und sie ist sogar schlagertauglich. Schließlich geht es da häufig um die Liebe (Gottes) – und um Fernweh. Selbst der Exodus, die Wüstenwanderung – "das ist Schlager!" Was Maybachs Alter Ego, "Ingmar Gildo Alexander", dann aus zwölf Originalzitaten zusammenbraut, reißt sein Publikum mit und hat das Zeug zum ersten Platz beim Eurovision Song Contest, davon ist er überzeugt. Wer könnte auch der Liebe, der größten Himmelsmacht, widerstehen?

Bestimmt keine Braut, den Spruch "Glaube, Liebe, Hoffnung" wollten sie alle, sagt der wortgewaltige und mit En-passant-Wortspielereien glänzende Pfarrer; es sei der Rolls Royce oder, passender, der Maybach unter den Trausprüchen. Und flugs verwandlet sich Maybach mit ein paar Requisiten in eine Braut. Ein Drama in drei Akten nimmt seinen Lauf und gipfelt in einer Absage: Die Hochzeit muss im Nachbarort stattfinden, der Mittelgang der eigenen Kirche ist nämlich zu schmal für den Reifrock. "Das ist tatsächlich so passiert", versichert Maybach.

Ach ja, ein Pfarrer hat’s nicht leicht. Allein die allwöchentliche Predigt – selbst im Sonntagsmorgengrauen steht da nicht mehr fest als "Liebe Gemeinde" am Anfang und "Amen" am Schluss. Dazwischen: gähnende Leere. Die Woche ist das krasse Kontrastprogramm. "Aber bitte mit Pastor" heißt’s beim "Weißkopfgeschwader" des Frauenkreises, bei den Jugendgruppen, beim Chor und auch bei Stuttgart 21 oder Castor-Protesten. Halleluja-Olé: mit seinem Organisten Helmut (Kadel) Don Cardello am Akkordeon kann beim Pastorentango nichts schief gehen.

Luther hat seine Kernaussagen in knackige Lieder gepackt – und die dürfen die Emmendinger als Projektchor ausprobieren. Maybach und Kadel steuern nicht nur die Melodie, sondern ein richtiges Hölleninferno bei. Ja, Infotainement ist gefragt und deshalb gibt’s künftig am Ende des Gottesdienstes den Gemeindegliederströmungsfilm, nach dem Muster des Wetterberichts. Geht nicht? Oh doch! "Die Kollekte vergangene Woche erbrachte etwa 71 Euro, für den heutigen Sonntag erwarten wir jedoch deutlich mehr Niederschlag im Klingelbeutel!"

Politik gehört dazu. Da wird Angelas Merkels "das ist alternativlos" zur modernen Variante des berühmten Lutherwortes "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Alles schon mal dagewesen: Da gab’s die Täuferbewegung in Münster, weit radikaler als Luther – eine Blaupause für den IS, sagt Maybach und weist flugs nach, dass Medien wie Postkutsche und Buchdruck den protestantischen Radikalismus förderten und öffentliche Enthauptungen auf dem Marktplatz die Vorläufer von Youtube-Grausamkeiten im Netz waren. Mehr davon gefällig? "Die CSU ist käuflich", verrät Maybach, schiebt schnell nach "die bundesweite" und meint es wörtlich – nämlich die CD der CSU, der christlich-satirischen Unterhaltung, die der Theologe und Soziologe mit Helmut Kadel als "Wartburg Brothers" so gekonnt zelebriert, inklusive Freud’scher Analysen und bitterbösen Assoziationen.

Nicht mitgeliefert wird auf CD der mitreißende Auftritt: Maybachs Aufruf zum Mitmachen ist nie vergebens. Und wenn er einen jungen Vater, der seinen Benny taufen lassen möchte, in einer kirchlichen Endlos-Schleife nach Telekom-Manier landen lässt, fühlt und lacht das Publikum herzhaft mit.

Nicht alles ist Klamauk. Reformation ist immer, aber sie kommt nicht von allein, sagt Maybach: "Wenn sich etwas ändern soll, bist du selbst gefragt ... Schlag deine Thesen an die Türen etwa der Banken...oder an die eigene". Alle stimmen ein. Viva la Reformation!

Autor: Sylvia-Karina Jahn