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12. Dezember 2011

Direkter Weg zum Herzen der Zuhörer

Cécile Verny gab mit ihrem Quartett im Schlosskeller ein Konzert auf höchstem Niveau.

  1. In ihren Liedern werden Geschichten lebendig: Cécile Verny bei ihrem Auftritt im Emmendinger Schlosskeller. Foto: Hans Jürgen Kugler

EMMENDINGEN. Der Auftritt von Cécile Verny im Emmendinger Schlosskeller beginnt unerwartet furios: In die erwartungsvolle Stille hinein platzt lautstark eine Mikrofonpanne. Die Sängerin nimmt es mit Humor und ist "gleich total entspannt...". Das Team vom Schlosskeller hat auch bald ein neues Kabel besorgt und es kann losgehen.

Mit dem Bassisten Bernd Heitzler, Pianist Andreas Erchinger und Schlagzeuger Lars Binder stellte die Künstlerin am Samstag ihr neues Programm "Keep some secrets within" im ausverkauften Schlosskeller vor. Die Sängerin mit den unüberhörbar afrikanischen Wurzeln (sie stammt aus der Elfenbeinküste) erzählt kleine Geschichten, die sie in ihren Liedern expressiv zum Leben erweckt. Ob sie von einem Spaziergang im Wald erzählt, den sie einst mit ihrem Jugendschwarm unternommen hatte oder ein Renaissance-Gedicht in moderne Jazzklänge transformiert − ihre kraftvolle, erdige Stimme, ihr lebendiger, ausdrucksstarker Vortrag erreichen sofort das Herz des Hörers. Die Unmittelbarkeit des Gefühls kennt keine Zeit. Die Renaissance-Lyrik wird zu einer eigenwilligen Mischung aus Standard und Bebop; Vernys Stimme schraubt sich virtuos durch die zahlreichen Rhythmuswechsel, mit denen die Band den Song vorantreibt.

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Die Sängerin kann sich auch ’mal zurücknehmen, um ihren Musiker Raum zu geben. Schlagzeuger Lars Binder steigert unmerklich das Tempo, der druckvolle, präzise Bass von Bernd Heitzler und das leichthändige Spiel von Pianist Andreas Erchinger, von dem viele der Songs stammen, formen einen einzigartigen, kraftvollen Klang.

Cécile Vernys Musik lebt von der Live-Atmosphäre. Aus gedämpften, lang ausgehaltenen Klagelauten baut sie modulierend, pulsierende Spannung auf: "Holy thursday", die Vertonung eines Gedichts von William Blake, dem schon im 18. Jahrhundert die Frage keine Ruhe ließ: "Wie kann es sein, dass in einem so reichen Land, wo regelmäßig der Regen fällt, die Kinder nichts zu essen haben?" In "Money aint funny" steigert sich die wilde Jagd nach dem schnellen Geld zu ausgreifenden Bebop-Improvisationen, die Verny virtuos zu fröhlich gutturaler Vokalakrobatik treibt. Bevor sie aber allzu übermütig wird, gibt sie punktgenau an den Pianisten ab.

Die Sängerin weiß auch sehr wohl über die Schattenseiten des Künstlerlebens. Während sie auf Tournee voller Hingabe und Melancholie an ihre zu Hause zurückgebliebenen Kinder denkt (Song for the loved ones), weiß sie doch auch sehr gut, dass diese sich diebisch über die sturmfreie Bude freuen. Im letzten Stück "To Thomas Butts", einem Mix aus rhythmisch prägnanten, ungeheuer energetischen Drums, treibendem Bass und ausgreifendem Pianosolo, können die Musiker noch einmal ihr ganzes Können entfalten.

Das begeisternd applaudierende Publikum wird mit zwei Zugaben belohnt, darunter eine dynamische Interpretation des Gospels "Swing low, sweet chariot". Schließlich ist ja bald Weihnachten.







Autor: Hans Jürgen Kugler