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29. September 2009

Ein verkannter Maler, dessen Oeuvre es noch zu entdecken gilt

In den Räumen des Pflegeheims der Metzger-Gutjahr-Stiftung werden bis zum 8. November Bilder von Hans von Geyer zu Lauf ausgestellt

  1. Isolde von Geyer zu Lauf (98) und Bernd Kellner bei der Eöffnung vor dem "Winterbild" Foto: Sylvia-Karina Jahn

EMMENDINGEN. "Hans von Geyer zu Lauf hat früh erkannt, dass der Mensch die größte Gefahr für die Natur ist." So interpretiert Bernd Kellner die "Traumbilder" des vor 50 Jahren verstorbenen Malers, dem jetzt eine Ausstellung in den Räumen der Metzger-Gutjahr-Stiftung gewidmet ist.

Kellner bedauerte, dass das Werk Geyer zu Laufs kein Ansehen auf dem Kunstmarkt genieße und kein Interesse der Kunstkritik, die ihn einen Epigonen nenne (unbedeutender Nachahmer, Trittbrettfahrer, d. Red.) Kellner dagegen war so beeindruckt von einem Bild Geyer zu Laufs, das er mit 16 Jahren sah, dass er sich später dessen Werk widmete.

Er erinnerte daran, dass Hans von Geyer zu Lauf in der Nachkriegszeit zehn Jahre in der Stadt gelebt habe und "einer der Unsrigen" geworden sei. Regional habe er nicht die Bedeutung, wohl aber für die Emmendinger. Hans von Geyer zu Lauf habe ein menschliches Maß gesetzt mit seiner Serie über die sieben Todsünden, die in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden sind. Auch in Bildern, die vordergründig die Landschaft beträfen, habe er sich der menschlichen Beschaffenheit zugewandt, etwa in seinen Traumbildern. Zugleich habe der Maler gewarnt vor der Bedrohung der Natur: Dazu rechnete Kellner Bilder wie den rufenden Kranich oder den "versponnenen" Fisch, in dem er Parallelen zur aktuellen Politik sah.

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Die Baumbilder seien Selbstbildnisse und die Farbe Rot mehr als ein Hingucker: Für Geyer zu Lauf symbolisierte sie die Zerstörung Freiburgs, die er miterlebt hat. "Seine Kunst zeigt eben nicht nur das Schöne, vielleicht fand sie deswegen keine Anerkennung", mutmaßte Kellner. Er fühlt sich in Sachen Geyer zu Lauf ein wenig als "Rufer in der Wüste", weil die Bilder seiner Ansicht nach nicht genügend gewürdigt werden.

Dabei verfügen sie über hohe handwerkliche Qualität, Geyer zu Lauf arbeitete mit wenig Öl, statt dessen setzte er Firniss als Malmittel ein. Das führte, zusammen mit seiner speziellen Schichtentechnik, zu einer hohen Leuchtkraft und Haltbarkeit der Bilder. Anhand zweier unfertiger Bilder können die Besucher nachvollziehen, wie die Werke aufgebaut wurden. Das war so aufwendig, dass der Maler Tagebuch darüber führte, welches Bild er wann weiter bearbeiten konnte. Diese akribischen Aufzeichnungen ermöglichten es Kellner und dem Freundeskreis Geyer zu Lauf, die Bilder aufzuspüren. Das Verzeichnis ist ebenso wie Pinsel, alte Fotos und Paletten in der sehr sorgsam und mit viel Liebe gestalteten Ausstellung zu sehen. Dazu passte auch, dass die 98-jährige Witwe Isolde von Geyer zu Lauf an der Vernissage teilnahm. Sie sei, so sagte Kellner, noch heute Maßstab des Freundeskreises und urteile weiterhin "knallhart" über Dinge, die ihren Mann und die Kunst beträfen.

"So viele bedeutende Künstler hat Südbaden nicht, man sollte die pflegen, die man hat", fand Oberbürgermeister Stefan Schlatterer. Er dankte Kellner für dessen Engagement, das weit übers Organisieren hinausgeht: Die Dauerausstellung zeigt Kellner in eigenen Räumen. Er hoffe, sagte der 77-Jährige, dass die Stadt später dafür sorge, dass die Werke, wenn schon nicht angemessen präsentiert, so doch in einem Archiv gut aufgehoben würden.

Über mangelndes Interesse oder Andrang brauchte sich bei der Vernissage am Sonntag jedenfalls keiner zu beklagen. Michael Kreis, Leiter des Pflegeheims Metzger-Gutjahr-Stiftung, freute sich besonders darüber. Denn das Pflegeheim verfolgt mit dem begonnenen Ausstellungszyklus zwei Ziele: Das Heim solle eben nicht als letzter Wohnort gesehen, sondern in die Gesellschaft integriert werden, es sollen Besucher kommen, die nicht nur die pflegerische Seite sehen, sagte Kreis. Zum anderen können so auch die Bewohner an Kunst teilhaben – optisch und musikalisch, wie sie das Klarinettenquartett der Musikschule mit "Welcome to New Orleans" beisteuerte.

Ein Besuch lohnt sich auch so: Da sind zarte Silberstiftzeichnungen, die das handwerkliche Können des Malers zeigen, und neben den bekannten Traumbildern, die ihn charakterisieren, Überraschungen wie die sieben Todsünden: Bunt, plastisch, verführerisch springen sie das Auge an, haben etwas vom Verlockenden und Überzeugenden moderner Werbung. Und wo Geyer zu Lauf mit den schönsten Farben operiert, setzt er zugleich einen Schlusspunkt, "Das Fest ist aus" nannte er das Bild. Ein Maskenfest offenbar – Symbol für eine verdrehte Welt. Ebenfalls einen Blick wert: Erik Sicks Videoinstallation "Traumsymphonien" steht zwar etwas versteckt in der Ecke, bringt aber Geyer zu Laufs Naturbezug gut zur Geltung. Ausstellung zum 50. Todestag von Hans von Geyer zu Lauf im Foyer der Metzger-Gutjahr-Stiftung, täglich von 8 bis 19 Uhr, bis 8. November.

Autor: Sylvia-Karina Jahn