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24. Januar 2012
Einblicke in die Lebensgeschichte der Autoren
Deutsches Tagebucharchiv und DRK-Kreisverband stellten in einer Lesung im Bürgersaal die gemeinsame Broschüre vor.
EMMENDINGEN. Zum ersten Mal haben das Deutsche Tagebucharchiv (DTA) und der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes eine Lesung aus Tagebüchern gemeinsam vorbereitet. DRK-Kreisvorsitzender Landrat Hanno Hurth erinnerte bei seiner Begrüßung an die Entstehung des Roten Kreuzes vor fast 150 Jahren nach der Schlacht von Solferino 1859.
Geschäftsführer Jochen Hilpert hatte diese wunderbare Idee, im Tagebucharchiv nach Erinnerungen von Menschen zu suchen, welche für das DRK arbeiteten oder denen von Mitarbeitern des Rotkreuzes geholfen wurde. Diese vielen Helfer, welche sich aus Liebe zum Menschen unermüdlich und segensreich engagieren. Ganz besonders eindrucksvoll kam dies in den Erinnerungen von Gerhard Toewe zum Ausdruck. Er lebt heute in Ettenheim und war mit seiner Ehefrau persönlich anwesend. "Es war Gottes Güte", sagte er tief bewegt. Die vielen Zuhörer im Bürgersaal des Alten Rathauses zollten ihm mit Beifall tiefen Respekt dafür, dass er seine Lebenserfahrungen mit ihnen teilte. Sie hatten sich zuvor von den geschriebenen Erinnerungen berühren lassen. "Zuletzt gesehen" war das einzige Lebenszeichen von Gefangenen nach dem 2. Weltkrieg, welche die Angehörigen über die Rotkreuz-Mitteilungen bekamen.
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An dieser Stelle muss die Moderation von Christa van Husen lobend erwähnt werden. Sie gab jeweils eine Einführung in die Geschichte der Autoren und wie es in deren Leben weiterging. So erhielt der Zuhörer ein umfassendes Stück Lebensgeschichte vermittelt. Diese Rotkreuz-Mitteilungen wurden auch für Gerhard Toewe lebenswichtig. Als Sechzehnjähriger war er nach der Kapitulation alleine aus dem Egerland geflüchtet und im Juni 1945 von Russen gefangen genommen und nach Leningrad deportiert worden. Dort arbeitete er zwei Jahre in einem Arbeitslager. Erst im Februar 1947 konnte über den Suchdienst des DRK eine Verbindung zur Mutter und Schwester bei Schwerin hergestellt werden. Er fühlte sich alleine, vergessen. "Die Frage ging tagtäglich mit mir: Werde ich jemals auch nur einen von ihnen wieder sehen?" So empfand er es als Wunder, als er zum Jahreswechsel 1946/47 eine Postkarte des DRK-Suchdienstes ausfüllen durfte. Seine Angehörigen hatten dies längst in Mecklenburg getan. Toewe schrieb: "Das war die einzige Möglichkeit, um wieder zueinander zu finden". Das Schicksal wollte es so, dass er an dem Sonntag im Juni heimkehrte, als seine Mutter ihren 64. Geburtstag feierte.
Der Leiter der DTA-Geschäftsstelle, Gerhard Seitz, las die Erinnerungen mit viel Mitgefühl und Verstehen. Ebenfalls um den 2. Weltkrieg ging es beim Tagebuch von Edith Haase, welche als junge DRK-Krankenschwester während des gesamten Krieges in Lazaretten an der Ostfront arbeitete. Sie sah viel Leid und den Tod. "Auch als Schwester blutet einem das Herz bei diesem Anblick! Wir kommen aus den Verbandszimmern und dem OP kaum noch raus", schreibt sie. Mit 17, 18 Jahren war sie die Mutter für die Schwerverwundeten des Krieges. "Ein Segen, dass es damals schon Morphium gab. Wie machtlos ist der Mensch? Es war grausam. Wo man jeden Menschen, sich, und seinen Angehörigen erhalten wollte", so die Krankenschwester. Sie hat alles überlebt und hat dem Tagebucharchiv für die zugesandte Broschüre gedankt und freut sich auf ihren 90. Geburtstag im Juli. Es ging bei der Lesung nicht nur um diese Kriegserlebnisse. Auch die Pflege seiner an Demenz erkrankten Frau bis zur eigenen Erschöpfung, dem lebenslangen Kampf einer magersüchtigen Frau, die Dankbarkeit für die Hilfe der Zivildienstleistenden oder die große Flut in Dresden im Jahre 2002. Sie lese viele Tagebücher und doch erlebe sie immer wieder das Gleiche: "Ich werde jedes Mal beim Lesen sehr gepackt", sagte die Vorsitzende des Archivs, Frauke von Troschke, am Ende der Lesung. Den Zuhörern ging es genauso.
Autor: Gerda Oswald
