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27. November 2010

Eine außergewöhnliche Deutschstunde

Schlosskeller-Vorstand wiederholte "Faust" als szenische Lesung.

  1. Petra Leppertinger gab ein großartiges Gretchen. Foto: Dieter Erggelet

EMMENDINGEN. "Allein die Dosis macht, dass ein Ding….", der Rest an diesem Abend war ausschließlich von Goethe. Das Schlosskeller-Team hatte die ideale Dosis gefunden, dessen "Faust, der Tragödie erster Teil" nochmals als szenische Lesung aufzuführen. Ein farbiger Umhang oder die entsprechende "Gretchen Frisur" reichten als Kostüm, bedeuteten das dramaturgische I-Tüfpelchen bei dieser dreistündigen Lesung. Keine Sekunde kam nur ein Hauch von Langatmigkeit oder Eintönigkeit auf. Ohne Kürzungen hätte dieser Abend weit bis nach Mitternacht gedauert, wobei die Akteure mit dem Mut zur Lücke auf elegante Art umgingen.

Der Prolog im Himmel wirkte wie babylonisches Sprachwirrwarr. Stimmen ertönten aus allen Winkeln des voll besetzten Schlosskellers, von der Theke oder dem Nachbartisch. Zwischen Glockengeläut war zu vernehmen, wie Mephisto mit Gott wettet, dass er Faustens Seele gewinnt und ihn vom rechten Weg abbringen kann. 20 Szenen kündigte Jens Mellies an. Er war dafür verantwortlich, dass der Inhalt der Faust-Sage, die aus dem 15. Jahrhundert stammt, nicht als literarisches Niemandsland erschien. Mit der Auswahl von passender Musik aus Igor Stravinsky Werken bewies Mellies ein einfühlsames Händchen.

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Für Stefan Witt bedeutete es kein Problem die Akteure ins rechte Bühnenlicht zu rücken und dabei einige Nebenrollen als Sprecher zu übernehmen. Die passende Rollenbesetzung der Schlosskeller-Vorstandsmitglieder war die weitere Rezeptur für diese außergewöhnliche "Deutschstunde". Immer wieder wurde gegenwärtig, wie sehr sich Aussprüche und Zitate zum geläufigen Sprachgut entwickelten. Peter Haas in der Rolle des Johannes Faust verkörperte auf seine ruhige Art den Suchenden, Zweifelnden, Nachdenklichen. Rainer Glaser als Mephisto und Gegenpart zu Gott setzte dem Wissenschaftler auf schnörkellose, expressive oder komödiantische Weise zu.

Hin und wieder mit wohldosiert sanfter Ironie, staffierte Alt-Oberbürgermeister Ulrich Niemann seine Rollen als Gott, Alter Bauer und Student aus. Petra Leppertinger alias Gretchen war die Königin der Herzen: Erst harsch und schnippisch, wenig später zart und verspielt, verliebt und verzweifelt.

Angela Schmidt-Tull in den Rollen als Hexe, Nachbarin und Lieschen beherrscht die große Klaviatur menschlicher Charaktere. Beeindruckend wie Andreas Zai, unter anderem in der Rolle als Gretchens Bruder, stets den lebensbejahenden Menschen darstellt, dem Faust ein jähes Ende bereitet. War es ein Schauspiel oder "nur" eine Lesung? Diese Gretchenfrage ist überflüssig.

Autor: derg