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21. September 2016

Eine Höhlenforscherin für alte Schrift

DREI FRAGEN AN die Transkriptorin beim Deutschen Tagebucharchiv Gertrud Lütgemeier.

  1. Gertrud Lütgemeier Foto: Walser

EMMENDINGEN. "Ich bin eine Höhenforscherin" sagt Gertrud Lütgemeier. Die promovierte Romanistin aus Essen arbeitet ehrenamtlich als Transkriptorin für das Deutsche Tagebucharchiv. Am Donnerstag berichtet sie um 19 Uhr im Bürgersaal des Alten Rathauses über ihre Erfahrungen. BZ-Redakteur Gerhard Walser sprach mit der 75-Jährigen.

BZ: Sie machen alte Schriften, die heute kaum einer mehr lesen kann, für die moderne Forschung lesbar. Haben Sie Sütterlin selbst noch in der Schule gelernt?

Lütgemeier: Nein, ich ging ja erst nach dem Krieg zur Schule, da wurde die sogenannte Deutsche Kurrentschrift, im Volksmund auch Sütterlin genannt, nicht mehr gelehrt. Aber ich habe mich eingelesen, zum Teil mit Aufsätzen und anhand von alten Schülerschriften. Ich wühle mich da durch, orientiere mich an Namen und Daten und versuche so Licht ins Dunkel zu bringen. Auch das Internet liefert mir dazu nützliche Informationen.

BZ: Was fasziniert Sie so an ihrer Arbeit?

Lütgemeier: Jedes Dokument ist spannend wie ein Kriminalroman. Ich blicke in ein Leben und erfahre Dinge, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Erst die Angehörigen oder die Autoren selbst geben dazu ja ihre Zustimmung, wenn sie die Tagebücher abgeben. Ich geniere mich da schon ein wenig und gehe mit einer gewissen Ehrfurcht zur Sache. Bei der Transkription muss ich drei Fähigkeiten entwickeln: Ich muss die Schrift entziffern, dazu brauche ich vor allem Geduld. Ich muss die Sprache des Schreibers verstehen und ich muss die historischen und kulturellen Hintergründe begreifen. Das ist vor allem Recherchearbeit. Ich versuche Zusammenhänge zu klären, die für den Autor damals beim Schreiben klar waren – etwa die historischen Ereignisse für ein Kriegstagebuch. Das Dokument wird so in sein geschichtliches Umfeld eingebettet. Das macht es spannend und bietet immer wieder Überraschungen.

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BZ: Was erwartet die Besucher ihres Vortrags?

Lütgemeier: Ich werde zunächst etwas zur Geschichte der Schrift erzählen und danach anhand von zwei Beispielen aus den Jahren 1857 und 1941 meine Arbeit aus der Lese-Transkriptions- und Recherchewerkstatt näher erläutern. In beiden Texten geht es um Bewegung und Reisen. Mehr verrate ich nicht.

Gertrud Lütgemeier (75) wohnt in Essen. Die promovierte Romanistin arbeitete als Lehrerin für Deutsch und Französisch und ist seit zehn Jahren ehrenamtliche Mitarbeiterin des Deutschen Tagebucharchivs.

Autor: wal