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11. März 2011
Eugen Drewermann: Plädoyer für Therapie statt Strafe
Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann begeistert und berührt im überfüllten Festsaal des Zentrums für Psychiatrie seine Zuhörer.
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Dich gedrängt wie wohl kaum eine Kirche zu Aschermittwoch war die Festhalle des ZfP beim Vortrag von Eugen Drewermann Foto: Markus Zimmermann
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Nicht nur überzeugt sondern fast schon ergriffen von den, was er zu sagen hat. Eugen Drewermann in der Festhalle des ZfP, in die weit mehr Interessierte kamen, als der Saal Plätze bot Foto: Markus Zimmermann
EMMENDINGEN. "Wir sind Staub der Erde", gebunden an Materie, beleuchtet Eugen Drewermann an Aschermittwoch die naturwissenschaftliche Seite des Menschseins. Im gleichen Atemzug ergänzt er dies mit dem, was für ihn christlichen Glauben auszumachen scheint. "Nur Staub, aber Gottes Odem atmet in uns, wenn es auch nicht beweisbar ist", so der populäre Theologe und Psychotherapeut.
Die Neubronnstraße ist zugeparkt bis zum Goethe-Gymnasium hin, bis vor den Eingang der Festhalle des Zentrums für Psychiatrie hinaus drängen sich die Menschen, um noch ein Wort mitzubekommen. Das Interesse ist unerwartet groß, Stefan Schieting, der ärztliche Direktor des ZfP-Emmendingen kann sich "kaum daran erinnern, dass der Saal je so dicht gedrängt besucht gewesen wäre". Eugen Drewermann zieht auch noch Jahre nach seiner Wellen schlagenden Kirchenkritik und der Suspendierung vom Priesteramt Anfang der 90er Jahre die Massen.Die, welche den Eiferer erwartet haben, der verbal mit Feuer und Schwefel die Institutionen geißelt, werden schnell eines Besseren belehrt. Der Kritiker, Querdenker, um der eigenen Profilierung wegen, ein Vorwurf der Drewermann immer wieder begegnet, steht hier nicht am Rednerpult. Der 70-jährige ist das ganze Gegenteil, ruhig, bedächtig und vor allem betroffen. Immer wieder tritt sie hervor, die Betroffenheit, ja der Schmerz an der Verlorenheit des Menschen – den Begriff der Sünde lehnt er, weil vorbelastet ab. Es scheint ihm immer wieder die Tränen in die Augen zu drücken, dass daraus Leid wird und die einzige Antwort darauf Ausgrenzung und Strafe sein soll.
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Die Ursache dafür sieht er im Verständnis der "bürgerlichen Gesellschaft" von Freiheit. Der Mensch sei frei, sich für gut oder böse zu entscheiden, sich Regelkonform oder eben nicht zu verhalten, ist für den Theologen und Psychoanalytiker längst eine überholte Sicht der Dinge. Auf diese baue jedoch der Begriff von Gerechtigkeit, stütze sich das Strafrecht und würden sich Richter und Henker berufen.
Dabei habe schon Martin Luther von der "Unfreiheit des freien Willens" geschrieben und mit den provozierend klingenden Worten "sündige tapfer" betont, dass Menschsein immer bedeute, "suboptimal zu handeln". So sei der Mensch letztlich auf Gnade angewiesen, sieht sich Drewermann, der 2005 der katholischen Kirche den Rücken kehrte, im Einklang mit der evangelischen Glaubenslehre. Nicht ohne dann doch dezent eine Spitze zu setzen: "Was Luther meint, hätten die Katholischen längst begreifen können".
Bestätigt sieht sich Drewermann durch Psychoanalyse und nicht zuletzt durch die moderne Hirnforschung. Es sei mittlerweile unbestreitbar, dass Erfahrungen den Menschen beeinflussen, ja sich materiell manifestieren. So könne sich selbst Angst und Stress der Mutter auf das noch Ungeborene übertragen, betont er. Die Angst der werdenden Mutter während dem Feuersturm einer Bombennacht hafte dem später geborenen Kind an. Auch eine schwierige Geburt oder Erfahrungen in den ersten Lebensjahren würden sich im jungen Menschen festsetzen. Ist ein derart vorgeprägter Mensch voll verantwortlich, wenn daraus beispielsweise aggressives Verhalten erwachse?
Drewermann bewegt als Seelsorger aber vor allem auch die Frage, wie diesem zu begegnen, zu helfen ist. Strafe und Ausgrenzung, Isolation sei bestimmt nicht der richtige Weg. Den sieht er vielmehr in der Psychotherapie, die versuche, den Menschen sich selbst begreiflich zu machen und so zurückzuholen. Oder um es mit Sigmund Freud zu sagen: "Ohne Reifung des Ich keine Heilung".
Möglich sei diese Heilung nur mit einem Gegenüber, das nicht von vornherein verurteilt. Denn der Mensch könne sich selbst nicht begegnen als Objekt, brauche das Gegenüber, um die eigenen Gefangenheiten erkennen und sich wieder gewinnen zu können. Erst durch das Erkennen, Bewusstmachen der eigenen Notwendigkeiten, würden sich Freiheitsspielräume eröffnen. Verständnisvolles und Verständnis eröffnendes Begleiten also, ein Plädoyer für Therapie statt Strafe. Neurologie als Chance, Zusammenhänge zu verstehen. Doch auch als Gefahr, wenn Wissenschaft der Ökonomie unterworfen ist. "In 30 Jahren werden wir mehr darüber wissen, wie sich Erfahrungen im Gehirn manifestieren, aber auch viel mehr, wie wir das Gehirn manipulieren können", warnt Drewermann davor, dass Wissenschaft den Menschen zum Mittel zum Zweck degradiert. "Neurologie ist gefährlicher als Atomphysik", so der Theologe. Für ihn bleibt der Mensch absolut, denn auch wenn er Staub der Erde sei, trage doch ein jeder an sich "den Fingerabdruck Gottes".
Autor: Markus Zimmermann


