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27. November 2009
Geht es den Menschen schlecht, dann auch den Glocken
BZ-INTERVIEW mit dem Glockensachverständigen Kurt Kramer / Von Schillers Glocke zum Hamburger Glockenfriedhof
EMMENDINGEN. Kurt Kramer ist Glockensachverständiger und Glockenprüfer und referiert beim ökumenischen Bildungswerk am Dienstag über sein Spezialgebiet. Sylvia-Karina Jahn sprach mit dem 66-jährigen Glockenexperten aus Karlsruhe.
BZ: Wie wird man eigentlich Glockensachverständiger und was fasziniert Sie so an Glocken?Kramer: Da gibt es zwei Antworten: Man wird gefragt und sagt "das mach’ ich nie im Leben" und genauso war es bei mir. Ich war Architekt, hatte zwar auch Musik studiert, aber auf die Anfrage des Ordinariats hin habe ich gesagt: Das kann ich nicht, das mach’ ich nicht. Aber das Thema ließ mich an dem Tag nicht los, ich habe mir in der Landesbibliothek alles zusammengestellt, was ich zum Thema Glocken fand – und es hat gefunkt: Ich habe mich richtig hineingestürzt. Dabei ging es mir nicht nur um die technische Seite, ich habe gesammelt, was Maler, Bildhauer und Philosophen dazu gesagt haben, vom alten China bis in unsere Zeit. Durch 48 Bände Kulturgeschichte habe ich mich durchgearbeitet, denn mich interessierte immer auch der geschichtliche Hintergrund.
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Kramer: Da gibt es keine feste Antwort. Aber ich stelle mir vor, dass es mit der Tradition aus China und aus dem Land der Bibel zusammenhängt. Die Glocke war das Verbindungsinstrument zwischen Himmel und Erde, sie trug die Sorgen und Nöte der Menschen gen Himmel und brachte auch die Antwort, so die Vorstellung. Die Glocke dient der Verkündigung der Botschaft von Oben und ganz besonders der Weihnachtsbotschaft.
BZ: Sie befassen sich ja nicht nur mit der romantischen, der schönen Seite der Glockenklänge, sondern auch mit der ernsten Seite.
Kramer: Glocken haben zu allen Zeiten in den Kriegen eine große Rolle gespielt, auch bevor sie zu Kanonen umgegossen wurden. Das war schon zu Zeiten Karls des Großen so und auch in vorchristlicher Zeit: Wenn es den Menschen schlecht ging, kamen die Glocken von den Türmen. Ganz dramatisch war das in der französischen Revolution und in den beiden Weltkriegen – da wurden bei uns 150000 Glocken zerstört! Wie es den Menschen erging, brauche ich nicht zu erzählen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenwürde – all diese Werte kommen mit der Glocke und gehen mit ihr.
BZ: Ihren Vortrag orientieren Sie an Schillers "Lied von der Glocke". Warum dieser Aufhänger?
Kramer: Schiller hatte gerade seinen 250. Geburtstag – und er schreibt in diesem Lied alles, was es zur Glocke zu sagen gilt. Das macht ihn so spannend. Natürlich ist das Gedicht sehr, sehr lang, aber wenn man es in Einzelteile zerpflückt und in Kontext zu geschichtlichen Ereignissen stellt, ist es faszinierend. Und mit Bildern: Das Bild vom Glockenfriedhof in Hamburg, wo die zerstörten Glocken liegen, habe ich in jedem Vortrag dabei. Es ist für mich wie ein Mahnmal und ich kriege jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich diese sinnlose Zerstörung sehe.
Info: Vortrag "Noch dauern wird’s in späten Tagen" von Kurt Kramer am Dienstag, 1. Dezember, 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus, Hebelstraße 2a.
Autor: ja
