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16. November 2016

Gemeinde bietet Heimat und Anker

Beim Festakt zum 300-jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde würdigten die Redner die gute Arbeit der Erben der Gründer.

  1. Der Vorsitzende des jüdischen Oberrats, Rami Suliman, war einer der Festredner beim Jubiläum der jüdischen Gemeinde. Foto: Gerhard Walser

  2. Myrthe Dreyfuss-Kahn (links) im Gespräch mit Olga Maryanovska. Foto: Gerhard Walser

  3. Gemeindemitglieder gestalteten das ambitionierte Musikprogramm. Foto: Gerhard Walser

EMMENDINGEN. Rabbi "Yossi" Yudkowsky war zunächst nicht begeistert: Feiern? Das 300-jährige Bestehen der "alten" jüdischen Gemeinde, die mit der Shoa während der NS-Diktatur unterging? Doch der Gemeinderabbiner ließ sich überzeugen. Das neu erwachte jüdische Leben in der Stadt habe gezeigt, "dass Gott einen Plan hatte und alles wie ein Puzzle zusammenpasst". Und so feierten die jüdischen Mitbürger am Dienstag in der Steinhalle mit Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sämtliche Festredner würdigten dabei die soziale und kulturelle Arbeit der Gemeinde.

Heute, 21 Jahre nach ihrer Wiedergründung, präsentiert sich die jüdische Gemeinde in Emmendingen lebendig wie zu ihrer Blütezeit (siehe Infobox), mit rund 360 Mitgliedern, einer Synagoge und einem regen Gemeindeleben, das den Besuchern zu Beginn der Feier in einer von Jugendlichen erstellten Videopräsentation plastisch vor Augen geführt wurde. "Wir sehen uns als Erben der Gründer", sagte Olga Maryanovska. Die Gemeindevorsitzende freute sich besonders, dass sie Myrthe Dreyfuss-Kahn zu den Gästen zählen konnte, die 88-jährige Urenkelin des Gemeindevorstehers Heinrich Weil, dem Vorgänger von Simon Veith, der nach Gurs deportiert wurde und dort starb.

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Von großer Blüte bis zur

verheerenden Tragödie

Die drei Jahrhunderte jüdischen Lebens in Emmendingen spiegelten die jüdische Geschichte im Allgemeinen wieder, so Maryanovska – "von großer Blüte bis zu verheerender Tragödie". Den Bürgern der Stadt dankte sie für die "vorbildliche und schmerzhafte Aufarbeitung der Geschichte". In einem toleranten und weltoffenen Miteinander liege die Zukunft: "Wir sind alle Geschöpfe Gottes".

Den regen interreligiösen Austausch in der Stadt würdigte auch Oberbürgermeister Stefan Schlatterer in seiner Ansprache. Er sei stolz auf seine "weltoffene Stadt" und froh über die große, aktive und engagierte jüdische Gemeinde. Diese habe "helle und dunkle Zeiten" erlebt, doch der Versuch, ihre Spuren mit Gewalt unsichtbar zu machen, sei zum Glück misslungen. Heute spiele sie eine wichtige soziale und kulturelle Rolle in der Stadt.

"Sie haben alles erlebt, was eine kulturelle und religiöse Gemeinschaft an Gutem und Schlechtem erfahren kann", sagte Landrat Hanno Hurth. Um so mehr sei er froh, dass sich die Gemeinde nach ihrer Wiedergründung 1995 auch als soziale Institution so gut entwickelt habe: "Sie bieten ihren Mitgliedern ein Rundum-Sorglospaket", lobte der Landrat die vielfältigen ehrenamtlichen Betreuungsangebote. Die Gemeinde biete "Heimat und Anker" und dies strahle auch nach außen aus und bereichere das kulturelle Leben in Stadt und Landkreis.

Jüdische Präsenz als

Glücksfall für das Land

Die jüdische Präsenz sei ein "Glücksfall für dieses Land" sagte Wolf-Dietrich Hammann als Vertreter der Landesregierung. Der Ministerialdirektor im Sozialministerium verwies auf die "wunderbare und unvorstellbare Entwicklung" der Gemeinde und dankte für das Vertrauen, "hier einen neuen Anfang zu wagen". Daraus erwachse die Verantwortung, dass "nie wieder jemand wegen seines Glaubens diskriminiert" oder gar verfolgt werden dürfe.

Weitere Grußworte sprachen die Oberbürgermeisterin von Offenburg, Edith Schreiber, der Vorsitzende des Oberrats der israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, die Vorsitzende des Vereins für Jüdische Geschichte und Kultur in Emmendingen Carola Grasse, Gemeinderabbiner Yaakov Yudkowsky und Landesrabbiner Moshe Flomenmann. Der aus Emmendingen stammende pensionierte Pfarrer Karl Günther schilderte in einem bewegenden Beitrag seine familiäre Verbundenheit zur jüdischen Gemeinde. Als Geschenk kündigte er eine von der Stadt finanzierte Bearbeitung des Totenbuches des neuen jüdischen Friedhofs an. Er hat es aus Resten des Stuttgarter Staatsarchivs zusammen gestellt.

Autor: Gerhard Walser